“Dieser verdammte Krebs” – Trauer um Christoph Schlingensief und Sepp Daxenberger

Einen August des Trauerns erlebt Deutschland im Jahr 2010. Binnen nur weniger Tage verliert das Land zwei herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Christoph Schlingensief und Sepp Daxenberger waren politisch links orientierte Querdenker, die die eingefahrenen Prozeduren des Politik- und Kulturbetriebs hinterfragten und herausforderten. Schlingensief und Daxenberger waren noch keine 50 zum Zeitpunkt ihres Todes – beide starben an Krebs.

Daxenberger 2008 - gefunden bei Wikipedia (Michael Lucan)

Sepp Daxenberger war der erste grüne Bürgermeister Bayerns – im Jahr 1996 in Waging am See, in einer der vermutlich nachtschwärzesten Regionen Oberbayerns, nicht weniger eine Sensation. Waging ist der Ort in dem ich einige Jahre meiner Kindheit und die Zeit meines Zivildienstes verbrachte. Ich bin ihm im Herbst 1998 auf dem Weg zu meiner Zivildienstwohnung nachts begegnet – ich kam gerade von einer Party und war etwas angeschickert. “Grüß Gott Herr Daxenberger” blökte ich über die Straße. “Servus”, kam es freundlich zurück. “Ich hab Sie gewählt, machen Sie etwas draus!” gebot ich ihm in meiner jugendlichen Einfalt. Möglicherweise wars mir schon tags drauf etwas peinlich – heute mit Sicherheit. Daxenberger allerdings blieb cool. “Bin scho dabei!” dröhnte er in seiner hemdsärmeligen Art zurück, kein bisschen pikiert. Spätestens ab da begleiteten ihn meine Sympathien.

Wenn man bei den Bauern in der Umgebung nachfragte, warum sie denn einen Grünen wählen konnten, hieß es: “Des is a schwarza Greana!” So wurde er wählbar und bot den übermächtigen CSU-Politikern in der Gemeinde Paroli. Erdverwachsen, ehrlich, durchweg integer – so war Daxenberger bekannt. Wer die Vita des Biobauern aus Nirnharting bei Waging etwas genauer unter die Lupe nimmt, dem wurde klar, es gibt auch ein politisches Leben in Bayern außerhalb der CSU. Zwei Jahre nachdem er in den Landesvorsitz der bayerischen Grünen gewählt wurde, erfuhr er von seiner Krankheit – Knochenmark-Krebs, eine seltene Variante. Es kam noch schlimmer. Im Frühjahr 2009 wurde bekannt, dass seine Frau Gertrud ebenfalls Krebs hatte. Sie starb am 16. August 2010, drei Tage vor ihrem Mann. Wahrscheinlich hat Daxenberger losgelassen, als er das erfahren hat. Das Paar hinterlässt drei Kinder. “Servus Sepp” erklingen die Nachrufe in den Zeitungen.

Schlingensief auf der Berlinale 2009, gefunden auf Wikipedia (Siebbi)

Letztes Jahr las ich einmal ein Zeit-Interview mit Christoph Schlingensief – er erzählte von seinem Projekt Festspielhaus Afrika in Ouagadougou, Burkina Faso. Unweigerlich musste ich an Kinski und seinen Fitzcarraldo denken, auch er eine Person mit einer Obsession und einer unglaublichen Lebensgier. Auch wenn ich die schiere Provokation in vielen Schlingensief-Aktionen immer mehr zu schätzen lernte, so ist mir auch nicht entgangen, dass der gebürtige Oberhausener im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung unglaublich an Tiefe gewann.

Ein paar Meilensteine (aus Wikipedia):

Seine Karriere als Theaterregisseur begann Schlingensief 1993 mit dem Stück 100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen an der Volksbühne Berlin. Bei dem für die Berliner Volksbühne inszenierten Stück Rocky Dutschke, 68 arbeitete Schlingensief erstmals mit Menschen mit einer geistigen Behinderung, gelernten Schauspielern und Laien gemeinsam.

1997 wurde er bei seiner Kunstaktion Mein Filz, mein Fett, mein Hase auf der documenta X in Kassel von der Polizei festgenommen, da er ein Schild mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ verwendete. Im 1998er Schattenkabinett von APPD-„Kanzlerkandidat“ Karl Nagel war Schlingensief als Bundesminister für „Rückverdummung“ vorgesehen.[2] Er gründete aber im selben Jahr die Partei Chance 2000 und zog mit ihr in den Bundestagswahlkampf.

Seit 2004 folgten Operninszenierungen in Bayreuth und Manaus.

In den Jahren 2008 und 2009 stellt Schlingensief seine Krebserkrankung in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

Die taz hat einige schöne Zitate von ihm zusammengetragen:

Wir sind kein dekadenter Rotwein-Scheiß.”

Über sein Operndorf-Projekt im afrikanischen Burkina Faso, Februar 2010

“Merkel hat definitiv kein Kulturverständnis und auch von Wagner keine Ahnung, auch wenn sie ständig in Bayreuth herumlatscht.”

Pressekonferenz, Berlin, April 2009

“Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und musizieren und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln!”

Spiegel-Interview, Dezember 2008

Auch in dem Zeit-Interview das ich vergangenes Jahr las, sprach er sehr offen über den Tot. Seine Gedanken dazu hat er aufgeschrieben: Allein der Titel “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!” gibt dem Leser eine Idee von den Kämpfen, die Schlingensief durchlebt hat. Mit ihm geht einer der mitreissendsten, wandlungsfähigsten und lebensbejahendsten Künstler Deutschlands. So jemand kommt so schnell nicht wieder. Wie hat Elfriede Jelinek es so schön und richtig formuliert: “Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.”

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