Schlagwort: Fotografie

  • Abgeblitzt

    Prince spielt am Montag auf der Waldbühne in Berlin. Doch das Blitzlicht könnte für den Popstar weniger grell ausfallen als erwartet. Denn Fotografen bekommen vor Konzerten immer öfter Knebelverträge vorgesetzt. Artikel im Tagesspiegel vom 5. Juli 2010 von Lars Dittmer//

    Prince im Frühjahr 2010 – fotografiert von Nicolas Genin (Wikipedia)

    Es soll eine spektakuläre Show werden, wenn Prince an diesem Montag sein einziges Deutschlandkonzert auf der Waldbühne in Berlin gibt. Doch während der Popstar im Scheinwerferlicht steht, könnte es vom Platz der Fotografen weniger grell blitzen als erwartet. Viele Bildjournalisten hatten am Freitag weder eine Akkreditierung für das Konzert, noch kannten sie die Bedingungen, unter denen sie Prince überhaupt ablichten dürfen.

    Mit solchen Schwierigkeiten sind Fotografen bei Auftritten von Stars immer öfter konfrontiert. Erst Anfang Juni forderte etwa das Management von Rammstein vor den Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“, die auf den Gigs gemachten Bilder nur an ein Medium zu verkaufen und dann der Band zur Verfügung zu stellen. Andere Stars verlangen, die Bilder vor der Veröffentlichung zu sehen oder die Rechte für die Bilder komplett übertragen zu bekommen. Das Material anschließend mehrfach zu verwenden oder zu archivieren, ist dann nicht mehr möglich. Für Konzertfotografen, die von einer Streuung der Bilder leben, eine finanzielle Katastrophe. „Von 40, 50 Euro pro Termin kann niemand leben“, sagt Sven Darmer, Chef der Bildagentur „Davids“ in Berlin. Die Folge: Immer mehr Konzertfotografen arbeiten vertragsbrüchig.

    Auch während der Konzerte kämpfen Fotografen gegen härtere Arbeitsbedingungen. Statt vor der Bühne werden sie weit entfernt in der Nähe des Mischpults platziert. Notgedrungen akzeptieren die Fotografen inzwischen, dass die meisten Musiker nur während der ersten drei Lieder Fotos erlauben – ohne Blitz. „Die Stars fangen dann an zu schwitzen, das ist nicht mehr so schön“, witzelt Darmer. Wenn allerdings der ohnehin schon knappe Zeitraum noch mehr verkürzt wird – Robbie Williams etwa erlaubte bei seinem Konzert in Berlin 2009 Fotos nur während der ersten zwei Lieder, Madonna gab den Fotografen im Berliner Olympiastadion 2008 lediglich vier Minuten – ist vernünftige Arbeit kaum noch möglich.

    Doch es geht den Musikern nicht allein um die komplette Kontrolle über die Bilder. „Auch die illegale Vermarktung von Fanartikeln könnte viele Stars aufgeschreckt haben“, sagt Dirk von Borstel, Bildchef der Nachrichtenagentur ddp. Freilich ist nach deutschem Recht Zensur unzulässig, und die Fotografen haben das Urheberrecht über ihre Fotos. Dennoch gilt auch bei den Konzerten von Megastars, bei denen öffentliches Interesse besteht, das Hausrecht. Und darüber kann die Pressefreiheit beschnitten werden. Letztlich entscheidet der Wortlaut des Vertrages, und der ist verhandelbar. „Die Verträge sind allerdings meist in Englisch und wenn darin ,Gerichtsort New York’ steht, ist so mancher Kollege eingeschüchtert“, so von Borstel.

    Michael Konken, Chef des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), hatte geraten, die „Knebelverträge“ von Rammstein nicht zu unterzeichnen. „Immer häufiger solidarisieren sich die Medien“, sagt Eva Werner, stellvertretende Pressesprecherin des Verbands. So boykottierten die Nachrichtenagenturen DPA, ddp und AP im vergangenen Jahr den Berliner Auftritt von Britney Spears – und berichteten gar nicht. Verschiedene deutsche Tageszeitungen zeigten in der Vergangenheit schon mal einen leeren Kasten anstatt eines Stars. Doch oft sitzen die Bands am längeren Hebel. So hatte DJV-Chef Michael Konken zwar Rammstein aufgefordert, unbeschränktes Fotografieren zu ermöglichen. Eine Antwort bekam er bis heute jedoch nicht.

  • Gabe an die Götter

    Die Männer gehen mit langen Holzstöcken aufeinander los, splitterfasernackt, umringt von ihren Stämmen, die sie anfeuern. „Als die Stöcke durch die Luft sausten, hatte ich kurz Angst“, sagt die Turiner Fotografin Giorgia Fiorio. Die Kämpfe auf dem „Donga-Fest“ des äthiopischen Surma-Volkes sind eine Mischung aus Erntedank-Ritual und kampfsportlicher Männlichkeitsbezeugung. Zu Todesfällen kommt es bei dem Ritual üblicherweise nicht, aber das Blutvergießen der Krieger stellt eine Opfergabe dar. Artikel im Tagesspiegel vom 25. April 2010 von Lars Dittmer

    Geben und Nehmen – das ist eine Konstante der menschlichen Spiritualität, wie Giorgia Fiorio in ihrer Fotoausstellung „Ritus – Die Gabe“ zeigt, die derzeit in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist. Menschen bieten ihren Gottheiten etwas an, und erhoffen sich dafür etwas.

    Reinigend. Voodoo-Fest in den Aguas Blancas-Fällen auf Haiti. Foto: Fiorio/Agentur Focus

    Ihre selbst finanzierten Reisen führten Giorgia Fiorio neun Jahre lang in 38 Länder, sie fotografierte Mönche in polnischen Klöstern, rotierende Derwische in der Türkei, Voodoo-Zeremonien in Haiti, Tempelanlagen in Südostasien. „Überall dreht es sich um Geburt, Fruchtbarkeit, das Leben, das Sterben“, sagt die 42-Jährige. Ihre szenischen, großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen aber nicht nur uralte Rituale, sondern auch Zeremonien, wie sie Buchreligionen wie Islam und Christentum vorsehen. Auf einem dramatischen Hochformat sieht man etwa die Passionsspiele auf den Philippinen. Ein Katholik lässt sich während der Karwoche kreuzigen. „Manche verlangen sogar danach, mit Nägeln befestigt zu werden“, sagt Fiorio. Die Gläubigen kasteien sich, um von ihren Sünden gereinigt zu werden.

    Nicht alle Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, waren sofort damit einverstanden, während der religiösen Zeremonie fotografiert zu werden. „Oft erhielten wir nach Monaten der Reise zunächst einmal eine Abfuhr“, berichtet Fiorio. Doch mit viel Geduld überzeugte sie die Menschen. Auffällig ist die Abwesenheit von Frauen auf den Fotos. Lässt sich Fiorios Ausstellung also als Kritik an der Wiederkehr einer konservativen Religiosität lesen? Giorgia Fiorio verneint. „Meine Fotos haben keine politische Intention. Außerdem ist die Frau in den meisten Ritualen privilegiert. Schließlich ist sie es, die angebetet wird.“ Lars Dittmer

    Auguststr. 5a, bis 2. 5., tgl. 11 – 20 Uhr.