Schlagwort: Tagesspiegel

  • Das dicke Geschäft mit den Fans

    Artikel im Tagesspiegel vom 5. September 2010 von Lars Dittmer //Lange muss man nicht warten, sie kommen zu einem. Sie sehen etwas bulliger aus als das studentische Publikum, das sich zum Berlin-Gig der kanadischen Indieband Arcade Fire vergangenen Dienstag vor dem Tempodrom tummelt. Sie stehen etwas abseits, mit weiten Hip- Hop-Hosen und Sonnenbrillen, wechseln mal untereinander ein paar Worte, mischen sich dann wieder unter die kastenbebrillten Indiefans.

    Man merkt, dass sie die Musik nicht interessiert – sie sind hier wegen des Geschäfts. „80 Euro das Ticket“, sagt einer mit umgedrehter Kappe. Könne er auch mehr besorgen? „Mehr als zwei kriegst du nie“, sagt er misstrauisch und dreht sich schnell um. Ein dicker Kollege von ihm ist offener: Klar, man müsse sich nur festlegen, wie viele. 80 Euro verlangt auch er. Eine halbe Stunde später kostet sie bereits 100 – bei Vorverkaufspreisen von 32 Euro eine beachtliche Gewinnspanne. Für die Fans, die noch keine Karten haben, wird es eng, denn das Konzert ist schon seit Wochen ausverkauft und günstige Tickets rar.

    Nicht alle haben das Glück, The Arcade Fire so erleben zu dürfen. Bild: Anders Jensen-Urstad/Wikipedia
    Nicht alle haben das Glück, The Arcade Fire so erleben zu dürfen. Bild: Anders Jensen-Urstad/Wikipedia

    „Eigentlich gehört das verboten“, schimpft ein Wiener Architekturstudent, der extra nach Berlin gereist ist, um das Konzert zu besuchen. Die Händler haben ihn gleich in der Einfahrt zum Tempodrom angesprochen. Er hat ihnen ein überschüssiges Ticket zum Normalpreis verkauft. Die Geschäftemacherei ärgert ihn: „Die Karten werden in großen Mengen günstig eingekauft und dann, online oder vor dem Konzert, teuer abgestoßen. Die Schwarzmarkthändler treten immer wie normale Fans auf.“ So auch bei der Onlineauktionsplattform Ebay, die sich in den vergangenen Jahren zu einem der zentralen Umschlagplätze für Konzertkarten entwickelt hat. Wenige Tage vor dem Arcade-Fire-Gig wechselten hier Tickets für immense Summen den Besitzer. Ein User hatte zwei Tickets im Angebot und die Auktion bei 1 Euro angesetzt. Fünf Tage vor dem Konzert nahm er 136 Euro dafür ein. Wie man in seiner Angebotsgeschichte lesen kann, hat er drei Tage darauf ein weiteres Paar für 251 Euro verkauft. Regulär hätten zwei Tickets 64 Euro gekostet. Auch bei den Onlinebörsen Viagogo, Fansale und Seatwave konnte man noch Karten ergattern: Alle starteten bei 64 Euro, bei Seatwave gingen die Preis bis 165 Euro. Auch hier scheint es, als verkauften Fans privat – mehr als zwei Tickets werden nie angeboten.

    Es ist zu einem gewissen Grad legitim, seine Konzertkarte online zu verkaufen, denn die Veranstalter nehmen Tickets auch bei Krankheit nicht mehr zurück. „Es ist nicht zutreffend, den Wiederverkauf von Tickets generell als nicht erlaubten Schwarzhandel zu bezeichnen“, sagt Maike Fuest, Pressesprecherin von Ebay. „Die vorliegende Rechtsprechung beurteilt einen solchen Wiederverkauf bis dato widersprüchlich.“ Zumal niemand gezwungen ist, Wucherpreise zu bezahlen – gerade bei Ebay entstehen sie oft durch die Nachfrage. Schwierig ist es gleichwohl, ehrliche Fans von den Leuten zu unterscheiden, die gewerbsmäßig anbieten. Denn wie so oft verlocken rechtliche Grauzonen zum Missbrauch.

    In den Musikforen im Internet ballt sich der Frust, von systematischer Abzocke ist die Rede. Userin „Birgit 72“ ärgerte sich da über die Ticketpreise zum Berlin-Gig von Rammstein im Dezember vergangenen Jahres. Der offizielle Onlineshop der Band sei gleich zu Beginn des Vorverkaufs abgestürzt, Community-Mitglieder hatten bevorzugt Karten bekommen, und als der Shop wieder funktionierte: „Ausverkauft!“, schrieb sie. Die Karten fand sie dann bei Ebay wieder, im Sofortverkauf für 225 Euro – mehr als dreimal so hoch wie regulär. Als sie bei der Verkäuferin anfragte, ob dies tatsächlich der Preis für eine Karte sei, erhielt sie als Antwort: „Ups, verschrieben, ist für zwei Karten.“ Tags darauf stand dort wieder Stückpreis. „Die gute Frau hat 34 Auktionen mit Konzertkarten am Laufen – aus Versehen?“ ärgerte sich „Birgit 72“.

    „Der Schwarzmarkt vor allen interessanten Konzerten ist inzwischen Usus“, sagt Peter Schummel von der Konzertkasse Koka 36 in Kreuzberg. Der Schaden ist freilich nicht nur moralisch – Fans und Konzertveranstalter werden gleichermaßen ausgenommen, und die Gewinne werden nicht versteuert. „Auch bei Fußballspielen und anderen Events sind die organisierten Gruppen tätig – bundesweit“, sagt Schummel. Den Ticketbüros sind die Hände gebunden: „Bei größeren Einkäufen um 50 Tickets fragen wir nach, was mit den Karten passiert. Ansonst gibt es bei uns auch die Unschuldsvermutung.“ Könnte man Tickets nicht personengebunden verkaufen? Schummel winkt ab: „Den logistischen Aufwand einer Ausweiskontrolle kann man bei Tausenden von Fans nicht mehr stemmen.“

    Bei Senat und Polizei ist man ebenfalls ratlos. „Der Konzertkartenschwarzmarkt ist Teil des Zivilrechts, die Veranstalter müssen Anzeige erstatten“, sagt Guido Busch, Pressesprecher der Berliner Polizei. Diesen fehlen aber die Kapazitäten, bei Hunderten von Fällen einzuschreiten. Schwarzmarkthändlern kann auf dem Konzertgelände zwar aufgrund des Hausrechts ein Platzverweis gegeben werden, sie können dann aber auf der Straße weitermachen. Diese Erfahrung hat das Concertbüro Zahlmann, ein großer Berliner Veranstalter, bereits gemacht. Welche Verluste durch den Schwarzmarkt entstehen, ist schwer zu sagen: „Den Schaden kann man nicht beziffern, wir haben nicht das Personal, das im großen Stil einzuschätzen“, sagt Manfred Müller vom Concertbüro. Wer den organisierten Schwarzmarkt betreibt und wie hoch die Steuerausfälle sind, ist nicht bekannt. Gibt es gar kein Mittel, Ticketdealern das Handwerk zu legen? „Im Prinzip wäre es einfach, wenn jeder nur den Originalpreis für eine Konzertkarte zahlen würde“, sagt Peter Schummel. „Solange Wahnsinnspreise für die Tickets bezahlt werden, müssen wir mit dem Schwarzmarkt leben.

  • Abgeblitzt

    Prince spielt am Montag auf der Waldbühne in Berlin. Doch das Blitzlicht könnte für den Popstar weniger grell ausfallen als erwartet. Denn Fotografen bekommen vor Konzerten immer öfter Knebelverträge vorgesetzt. Artikel im Tagesspiegel vom 5. Juli 2010 von Lars Dittmer//

    Prince im Frühjahr 2010 – fotografiert von Nicolas Genin (Wikipedia)

    Es soll eine spektakuläre Show werden, wenn Prince an diesem Montag sein einziges Deutschlandkonzert auf der Waldbühne in Berlin gibt. Doch während der Popstar im Scheinwerferlicht steht, könnte es vom Platz der Fotografen weniger grell blitzen als erwartet. Viele Bildjournalisten hatten am Freitag weder eine Akkreditierung für das Konzert, noch kannten sie die Bedingungen, unter denen sie Prince überhaupt ablichten dürfen.

    Mit solchen Schwierigkeiten sind Fotografen bei Auftritten von Stars immer öfter konfrontiert. Erst Anfang Juni forderte etwa das Management von Rammstein vor den Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“, die auf den Gigs gemachten Bilder nur an ein Medium zu verkaufen und dann der Band zur Verfügung zu stellen. Andere Stars verlangen, die Bilder vor der Veröffentlichung zu sehen oder die Rechte für die Bilder komplett übertragen zu bekommen. Das Material anschließend mehrfach zu verwenden oder zu archivieren, ist dann nicht mehr möglich. Für Konzertfotografen, die von einer Streuung der Bilder leben, eine finanzielle Katastrophe. „Von 40, 50 Euro pro Termin kann niemand leben“, sagt Sven Darmer, Chef der Bildagentur „Davids“ in Berlin. Die Folge: Immer mehr Konzertfotografen arbeiten vertragsbrüchig.

    Auch während der Konzerte kämpfen Fotografen gegen härtere Arbeitsbedingungen. Statt vor der Bühne werden sie weit entfernt in der Nähe des Mischpults platziert. Notgedrungen akzeptieren die Fotografen inzwischen, dass die meisten Musiker nur während der ersten drei Lieder Fotos erlauben – ohne Blitz. „Die Stars fangen dann an zu schwitzen, das ist nicht mehr so schön“, witzelt Darmer. Wenn allerdings der ohnehin schon knappe Zeitraum noch mehr verkürzt wird – Robbie Williams etwa erlaubte bei seinem Konzert in Berlin 2009 Fotos nur während der ersten zwei Lieder, Madonna gab den Fotografen im Berliner Olympiastadion 2008 lediglich vier Minuten – ist vernünftige Arbeit kaum noch möglich.

    Doch es geht den Musikern nicht allein um die komplette Kontrolle über die Bilder. „Auch die illegale Vermarktung von Fanartikeln könnte viele Stars aufgeschreckt haben“, sagt Dirk von Borstel, Bildchef der Nachrichtenagentur ddp. Freilich ist nach deutschem Recht Zensur unzulässig, und die Fotografen haben das Urheberrecht über ihre Fotos. Dennoch gilt auch bei den Konzerten von Megastars, bei denen öffentliches Interesse besteht, das Hausrecht. Und darüber kann die Pressefreiheit beschnitten werden. Letztlich entscheidet der Wortlaut des Vertrages, und der ist verhandelbar. „Die Verträge sind allerdings meist in Englisch und wenn darin ,Gerichtsort New York’ steht, ist so mancher Kollege eingeschüchtert“, so von Borstel.

    Michael Konken, Chef des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), hatte geraten, die „Knebelverträge“ von Rammstein nicht zu unterzeichnen. „Immer häufiger solidarisieren sich die Medien“, sagt Eva Werner, stellvertretende Pressesprecherin des Verbands. So boykottierten die Nachrichtenagenturen DPA, ddp und AP im vergangenen Jahr den Berliner Auftritt von Britney Spears – und berichteten gar nicht. Verschiedene deutsche Tageszeitungen zeigten in der Vergangenheit schon mal einen leeren Kasten anstatt eines Stars. Doch oft sitzen die Bands am längeren Hebel. So hatte DJV-Chef Michael Konken zwar Rammstein aufgefordert, unbeschränktes Fotografieren zu ermöglichen. Eine Antwort bekam er bis heute jedoch nicht.

  • Anwohner im Graefekiez fürchten Verdrängung

    Der Graefekiez wird zur bevorzugten Wohngegend – und die Mieten steigen. Der Druck auf Alteingesessene und Ärmere wächst. Eine Anwohnerinitiative will bedrängte Mieter unterstützen und die Mischung im Kiez erhalten. Artikel im Tagesspiegel vom 1. Juli 2010 von Lars Dittmer//

    Es hat einen Hauch von südländischer Kleinstadtidylle, und das mitten in Berlin. Radfahrer strampeln durch grün gesäumte Altbaustraßen, Eisdielen bieten italienische Spezialitäten, cooles Jungvolk mit Sonnenbrillen sitzt vor Straßencafés. Der Graefekiez im Süden Kreuzbergs ist für manche die Toskana von Berlin. Früher ein „Einfache-Leute-Kiez“, zieht das Gebiet zwischen Hermannplatz und Südstern heute eine besser verdienende Klientel an. Der Druck auf Alteingesessene und Ärmere wächst.

    Luxusimmobilien im Graefekiez – Foto: Kai-Uwe Heinrich

    „Wir haben hier teils schon Mieten wie in Zehlendorf, und das bei Wohnungen von überwiegend einfacher Lage“, sagt Martin Breger von der Miet AG, einer im Graefekiez ansässigen Initiative. Die zehnköpfige Gruppe hat sich nach dem „Graefe-Gipfel“ im Frühjahr 2009 zusammengeschlossen um die Aufwertungstendenzen zu beobachten, bedrängte Mieter zu unterstützen und die Öffentlichkeit durch politische Arbeit und Kiezspaziergänge zu informieren. „Als erstes trifft es Rentner, Hartz-IV-Empfänger und das migrantische Gewerbe“, sagt Breger. „Wir kämpfen dafür, dass die schöne Mischung hier im Kiez erhalten bleibt.“

    Im Graefekiez kommen mehrere Entwicklungen zusammen. Während die Bevölkerung in den anderen Kreuzberger Kiezen SO36 und Bergmannstraße relativ konstant blieb, stieg sie seit 2004 hier um 8,9 Prozent, berichtet die TOPOS-Studie 2008. Und obwohl der Kiez etwas wohlhabender ist als das Gebiet östlich des Kottbusser Tors, verdient der Kiezbewohner rund 25 Prozent weniger als der Bundesdurchschnitt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 19 Prozent. „Das große Jobwunder ist hier ausgeblieben“, so Breger.

    Die Zuzügler hingegen stehen überwiegend in Lohn und Brot. Für viele Westdeutsche und gut situierte Ausländer sind die Kreuzberger Wohnungen auch nach der Sanierung noch günstig. Dies wissen viele Vermieter – und drehen durch Mietsteigerungen, Umwandlungen in Eigentumswohnungen und opulente Sanierungen an der Kostenspirale. Die Miet AG hat errechnet, dass der durchschnittliche Quadratmeterpreis bei Neuvermietungen von Ein- bis Zwei-Zimmerwohnungen inzwischen bei 7,63 Euro liegt, rund 40 Prozent über dem Mietspiegelmittelwert. Für mittellose Künstler oder Hartz-IV-Empfänger gibt es kaum noch erschwinglichen Wohnraum.

    In der Graefestraße werden in den Gewerbehöfen eines Klinkeraltbaus momentan Loftwohnungen geschaffen. Bei einem Quadratmeterpreis von neun Euro wird auch hier eine gut situierte Mittelschicht angesprochen. Was bei der Neuschaffung von Wohnraum nicht so problematisch ist. Anderswo werden angestammte Mieter aus ihren Wohnungen verdrängt. So berichtet eine Mieterin aus der Körtestraße 14 von „Schikanen“ ihres Vermieters. Wasserschäden werden nicht repariert, aber in verlässlichen Intervallen flattern Mieterhöhungen und Briefe mit Auflagen ins Haus. Gesetzlich dürfen Mieten alle drei Jahre um 20 Prozent erhöht werden, bei Neuvermietungen sind sie jedoch frei verhandelbar. „Meine Nachbarn sind West-Studenten, die zahlen schon jetzt viel mehr als ich“, sagt sie. Altmieterinnen wie sie werden da zum Störfaktor.

    In der nördlichen Fichtestraße gibt es kaum noch Mieter, nur noch Eigentümer – mit dem Ausbau des Fichtebunkers wurde 2008 ein Renommierprojekt fertiggestellt. Die luxuriösen Wohnungen sind bei Preisen um 700 000 Euro alle verkauft. Auf dem Nachbargrundstück, einem zeitgleich entstandenem Neubau mit Loftwohnungen, schützt ein Zaun die Mieter in ihren Gärten. Errichtet wurde der Zaun in weiser Voraussicht; Ähnlich wie bei der „Carloft“-Immobilie in der Liegnitzer Straße schmissen auch hier Chaoten immer wieder Farbbeutel gegen die Fassade – während des Baus sogar einen Brandsatz.

    Der Graefekiez ist ein Quartier im Süden Kreuzbergs

    Maria Druckenthaner, Schriftstellerin und langjährige Bewohnerin der Fichtestraße, war Mitbegründerin einer Kiezinitiative gegen den Ausbau des Bunkers. Auch ihr Vermieter wollte sie loswerden. „Ich war nur zwei Mal für wenige Tage im Verzug mit der Mietzahlung, da bekam ich schon eine Kündigung“, sagt sie. Unrechtmäßig, wie sich vor Gericht herausstellte. Gegen die Wucherpreise in ihrem Haus hat sie sich mit anderen Bewohnern organisiert. Neuankömmlinge bittet der Vermieter inzwischen mit saftigen 10,14 Euro pro Quadratmeter zur Kasse. Bei einem Altbau in einfacher Lage sind das 120 Prozent über dem Mietspiegelmittelwert.

    Bei den Kreuzberger Grünen ist man etwas ratlos angesichts der Situation. „Solange der Senat keinen Wohnungsnotstand feststellt, kann man juristisch gegen Mietwucher nicht vorgehen“, sagt Hans Panhoff, Mitglied des Ausschusses für Stadtplanung und Bauen der Bezirksverordnetenversammlung. Zwar greift beim Graefekiez der Milieuschutz, der alle Sanierungsmaßnahmen über einen durchschnittlichen Standard genehmigungspflichtig und die Mietspiegelmittelwerte zu De-facto-Mietobergrenzen bei Neuvermietungen macht. Nur wissen dies die wenigsten Zuzügler und melden kaum Verstöße. Bei der Stadtentwicklungsverwaltung ist man sich bewusst, dass die Vermieter den Rahmen bei Neuvermietungen schon mal sprengen: „Insgesamt gelingt das in Berlin aber nur sehr punktuell, da es stadtweit preiswerten verfügbaren Wohnraum gibt“, heißt es auf Anfrage. Bleibt also nur der Wegzug aus der Toskana.

  • Singen ist Silber

    Culture Clash im Kino macht meistens Spaß. Schließlich öffnet das Zusammentreffen möglichst verschiedener Lebensweisen reichlich Raum für Überspitzungen. Bollywood in den Berner Alpen: „Tandoori Love“. Artikel im Tagesspiegel vom 27. Mai 2010 von Lars Dittmer

    Regisseur Oliver Paulus etwa wollte immer schon mal Schweizer und Inder aufeinander loslassen. In „Tandoori Love“ ist erst mal alles wunderbar: Ein Bollywood-Team eine Schmonzette vor malerischem Berner Alpenpanorama. Nur Koch Rajah (Vijay Raaz) schiebt Frust – er fühlt seine Leistungen vom Team nicht ausreichend gewürdigt und wird zudem von der Diva (Shweta Argawal) tyrannisiert. Da macht es sich gut, dass er einer rotblonden Schönheit namens Sonja (Lavinia Wilson) auf den ersten Blick verfällt. In einem Supermarkt – begleitet von einem Chor anderer Kunden – bringt er ihr ein bollywoodeskes Liebesständchen.

    Was fürs Auge – schöne Landschaftsschwenks durch die Berner Alpen (hier der Finsteraarhorn bei Wikipedia)

    Sonja ist allerdings mit Markus (Martin Schick) verlobt, der mit seiner Mutter das rustikale Restaurant „Zum Hirschen“ betreibt. In dem dringenden Wunsch, bei Sonja zu landen, heuert Rajah im „Hirschen“ an und verwandelt das Lokal in eine feurige indische Spezialitätenhölle. Langsam erobert er damit Sonjas Herz – aber was wird dann aus Markus?

    Berge, Seen, Heidi: Schon in den Sechziger Jahren entdeckte die indische Filmindustrie die Schweiz und stilisierte sie zum Paradies. Seitdem sind Urlaubsorte wie Interlaken Ziel zahlloser asiatischer Gäste. Bollywood-Filmproduktionen lassen hier ihre Stars lieben, singen, leiden. Leider trägt zum Leiden der Zuschauer auch Regisseur Oliver Paulus bei.

    Das Problem: Dem Kitsch, den er tapfer als Kitsch stigmatisiert, verfällt er am Ende selber. So wirken seine Bemühungen, die Bollywood-Konventionen zu veralbern, rückwirkend arg unglaubwürdig. Etwa die Szene, in der die nörgelnde Diva mit ihrem Lover in bester „Titanic“-Manier über den Brienzer See schippert – zu herzzerreißender Musik. Regieanweisung: „We need more tears!“ Was aber, wenn bald alle – ganz unironisch leidenschaftlich – drauflossingen?

    Am schönsten in „Tandoori Love“ ist nicht die Story, die bald reichlich zerfasert. Auch nicht die Gesangsnummern, bei denen sich schließlich das gesamte Personal in die Arme fällt. Sondern die Schwenks übers Gebirge.

    Sputnik am Südstern

  • Vorsicht, Polizei surft mit!

    China und Iran: Wie das Internet zur Waffe gegen Zensur und staatliche Willkür werden kann. Artikel im Tagesspiegel vom 5. Mai 2010

    Das Internet ist eine Waffe im Kampf gegen totalitäre Regime. Oppositionelle rund um die Erde vernetzen sich auf Facebook, auf Twitter und Youtube werden die Brutalitäten von Diktaturen in Windeseile verbreitet. Die „grüne“ Bewegung kämpfte im vergangenen Sommer gegen den mutmaßlichen Wahlbetrug des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad – und die Welt fieberte online mit. Das Netz wird auch genutzt, um Freiheitsbestrebungen zu unterdrücken. Zu dem Thema „Das Internet in China und Iran – Zensur und Freiheitskampf“ diskutierten in Berlin der frühere ARD-Korrespondent Peter Mezger, die iranische Dissidentin Maryam Mirza, Kay Oberbeck von Google Deutschland und Shi Ming, ein chinesischer Journalist im deutschen Exil. In China wird das Internet von rund 30 000 „Internetpolizisten“ gefiltert und zensiert. Dutzende missliebige Blogger hat das Regime bereits inhaftiert.

    Wo Internet zensiert wird. Bild: RSF/Wikipedia
    Wo Internet zensiert wird. Bild: RSF/Wikipedia

    Der Suchmaschinenanbieter Google etwa verlagerte seinen Dienst Anfang des Jahres nach Hongkong. „Es kann nicht sein, dass die Mail-Konten von Dissidenten in China gehackt werden und wir Suchergebnisse zensieren müssen“, sagte Kay Oberbeck. Die Umleitung seines chinesischen Servers sei „keine PR-Maßnahme, sonst hätten wir uns schon viel früher aus China zurückziehen müssen“. Google habe keine andere Wahl mehr gehabt. „Die Zensur durch Peking schafft ein neues Bewusstsein bei den Nutzern der Suchmaschine“, sagte Oberbeck. Die User würden nun deutlicher als bei der vorherigen Selbstzensur sehen, welche Inhalte nicht zugänglich seien.

    Dennoch sieht Shi Ming freiheitliche Tendenzen in der chinesischen Gesellschaft. Beim Ausbruch der Hand-Mund-Fuß-Krankheit 2008 etwa hatte sich eine Onlineöffentlichkeit gebildet, die sich über die Bekämpfung der gefährlichen Seuche austauschte – während die Behörden schwiegen.

    Auch das Regime in Teheran zensiert alles, was ihm missfällt. „Allein vergangenen Monat wurden 30 Onlinedissidenten verhaftet“, sagte Maryam Mirza, die im Jahr 2007 vor dem islamischen Revolutionsgericht in Teheran stand, weil sie für die Frauenrechte demonstriert hatte. Über die Medien hatte sie die Demonstrationen der „grünen Bewegung“ gegen die Wahlen 2009 begleitet, aus Sicherheitsgründen von Deutschland aus. Vor allem die Studenten hatten über Facebook und Twitter eine immense Unterstützung für ihren Kandidaten Mussawi generiert, berichtete Peter Mezger. Online wähnte man sich in trügerischer Einigkeit. Doch Ahmadinedschad konnte 62 Prozent einfahren – nach seinem mutmaßlichen Wahlsieg ging er gegen die Opposition vor.

    Einig war man sich in der Runde, dass es „ordnende“ Instanzen wie Journalisten im Informationsgewirr des Internets geben muss. Genauso wie Blogs und soziale Netzwerke pluralisieren und demokratisieren, können sie totalitären Regimen als Bühne dienen. So streuen etwa die Agitatoren der chinesischen „50-Cent-Partei“, staatlich engagierte Blogger und Internetforisten, genehme Nachrichten für die Regierung. „Alle Parteien nutzen das Netz“, sagte Shi Ming.

  • Auf Ponys gegen Prolls

    Schlechter Geschmack, große Pläne: Ein Besuch bei der Elektropunkband Die Toten Crackhuren im Kofferraum. Artikel im Tagesspiegel vom 30. April 2010

    Wer dachte, Berliner Jugendliche sind schon lange nicht mehr „punk“ und studieren jetzt alle BWL, um mit Mitte Zwanzig die deutsche Normfamilie zu gründen, könnte sich noch wundern. Denn die vier- bis achtköpfige Berliner Elektro-Anarcho-Combo Die Toten Crackhuren im Kofferraum (T.C.H.I.K) macht sich derzeit auf, gestriegelten Castingbands das Fürchten zu lehren. Als Vorband der Berliner Rapper K.I.Z ist die Bad-Taste-Truppe erstmals aufgefallen. Jetzt stehen Konzerte und im Sommer eine neue Platte an.

    Spaß und Rebellion. Kristeenager, Luise Fuckface, Stehfanje (oben) und Netja Triebeltäter von Die Toten Crackhuren im Kofferraum. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

    Die Crackhuren haben sich im „Studio Kitsune“ versammelt. Es liegt im angesagten Teil von Nordneukölln, der sich in den letzten Jahren ein trendiges Mäntelchen übergeworfen hat. In den weitläufigen Lofträumen des Studios kreieren Labels wie Royal Bunker Hip-Hop-Beats, außerdem werden hier Filme produziert und Castings veranstaltet. Während Musiker und Medienmenschen aller Couleur lässig in T-Shirts und Jeans durch die Lofträume bummeln, sitzen vier der Girls, Luise Fuckface (22), Netja Triebeltäter (20), Kristeenager (20) und Stehfanje (21), schrill geschminkt, mit „Crackhuren“-Shirts und Haarsträhnchen auf einem speckigen Ledersofa, scherzen und gackern fröhlich vor sich hin.

    Wie viele Mitglieder die Band hat, ist nicht abschließend geklärt. Zurzeit sind „es vier bis acht und drei süße Boys“, sagt Luise Fuckface, die sich selbst als „Mastermind“ der Band bezeichnet. Die stetige Fluktuation in der Band ist leicht erklärt: „Mal muss jemand arbeiten, mal ist jemand schwanger, immer kommt was dazwischen.“ Neben den flotten Sprüchen und den grellen Outfits gehören zu den Markenzeichen der Band ein breites Berlinern, der inflationäre Gebrauch von Kraftausdrücken und der ständige Verweis auf die eigene Asozialität. Ganz so, wie es sich für „Crackhuren“ gehört. Dabei gehen die meisten der Mädchen doch recht bürgerlichen Tätigkeiten nach: Einige studieren, Netja arbeitet mit behinderten Kindern – so behauptet sie zumindest unter dem schallendem Gelächter der Übrigen.

    Gegründet wurde die Band im Jahr 2007 von Luise, Schrüppe Macintosh und Lynn Love. Am 25. Juni soll nach zwei Platten, die sie im Eigenverlag rausbrachten, das dritte Album erscheinen – diesmal bei einem Major-Label. Titel: „Jung, talentlos und gecastet“. Und gecastet wurden sie tatsächlich, „gegen ihren Willen“, wie sie versichern. Nach einer Show der Band Fickscheiße (heute: Beta) sprach sie Techno-Urgestein und Publizist Jürgen Laarmann an und versprach ihnen „schnellen Ruhm“. Musikalisch bieten die Crackhuren harte, tanzbare Elektrobeats á la Mediengruppe Telekommander, mit Gesangspassagen, die in ihrer Rotzigkeit an die frühen Mia.-Alben erinnern. Einfache punkige Harmonien laden zum Mitgröhlen ein. Neben den Huren selbst zeichnen Produzenten wie der Berliner Musikmanager Beat Gottwald (K.I.Z.), Lorenz Rueegsegger vom Label Mädchenmusik und Archi Alert, der frühere Sänger der Funpunkband Terrorgruppe, für die Tracks verantwortlich.

    Das anarchische Bandethos der Crackhuren beschreibt Kristeenager so: „Man macht irgendwas und schaut, was dabei rauskommt, es gibt kein konkretes Ziel, letztendlich ist es dann halt da.“ Parallelen zur Riot-Grrrl-Bewegung der neunziger Jahre sind nicht zufällig. Damals rockten Frauenbands wie Bikini Kill und Sleater-Kinney mit Punkattitüde und feministischen Parolen gegen die männliche Dominanz in der Musikwelt an. Trotz der obligaten Anti-Haltung gegen so ziemlich alles machen die Crackhuren jedoch wenig Aufhebens um Politik. Ihre Rebellion ist spielerisch und Teil einer durch und durch ironisierten Trash-Maskerade. Das System greifen sie nur dort an, wo es keinen Spaß macht. Auch um Emanzipation scheren sie sich wenig, denn wozu um etwas kämpfen, was man längst und wie selbstverständlich lebt?

    Ihre Texte bezeichnen sie als „pubertierende Tagebuchpoesie“: „Wir schreiben über Mädchenthemen und verarschen sie“, sagt Luise Fuckface. So nehmen sie zum Beispiel Castingshows und ihre Schönheitsideale ins Fadenkreuz. „Wir hassen Sport“ heißt der selbstbewusste Konter der Band gegen den TV-Fitnesswahn. Genervt zeigen sie sich auf die Reaktionen zu ihrem Lied „Ich und mein Pony“. Aufgrund der Textpassage „Ich und mein Pony, sein Name ist Jonny, wir reiten Richtung Sonnenuntergang“ mutmaßten Journalisten, es könne es sich bei Jonny um eine tatsächlich existierende Person handeln. „Alles Blödsinn“, sagt Luise Fuckface empört. „Das Lied hab ich geschrieben, weil ich einmal in einem Video mit einem Pony reiten wollte.“

    Eines ihrer Lieblingsfeindbilder ist der „Brandenburger Proll“, ein solariumgebräunter Dorfdödel, der den ganzen Tag an Tankstellen rumhängt und mit seinem tiefergelegten Auto betrunken zum Bowlen fährt. Ein Klischee, das ihrer Meinung nach allzu oft wahr ist. Zwar wohnen sie alle jetzt in Berliner WGs, einige von ihnen haben aber früher auf dem Land gelebt. Die Befürchtung, dass eben diese Klientel ihre Musik mögen könnte, ist schon eingetroffen, sagen sie. Ist ihnen aber egal: „Wir können ja niemandem verbieten, unsere Musik gut zu finden“. Gute Voraussetzung, um reich und berühmt zu werden.

    Konzert: Sa. 1.5., 22 Uhr

    im Magnet Club, Falckensteinstraße 48

  • „Geboren im KZ“: Das Wunder der sieben Babys von Kaufering

    Sieben Babys überlebten das KZ Kaufering, ihre Mütter gingen durch die Hölle. Der Dokumentarfilm „Geboren im KZ“ erzählt ihre Geschichte. Artikel im Tagesspiegel vom 28. April 2010 von Lars Dittmer//

    „Als ich hörte, dass sieben jüdische Babys das KZ Kaufering überlebt haben, konnte ich es nicht glauben“, sagt die WDR-Autorin Eva Gruberová. Als die US-Soldaten Ende April 1945 das Lager befreiten, fanden sie Leichenberge, halb verhungerte und typhuskranke Menschen. Und doch hängt der Beweis in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Vier Mädchen und drei Jungen halten die Mütter in die Kameras der Amerikaner. Gruberová beschloss zusammen mit Martina Gawaz, dieser Geschichte nachzugehen. Ihre Dokumentation „Geboren im KZ“ zeigt die ARD am Mittwoch, zum Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau (29. April) und des Außenlagers Kaufering (27. April).

    Zwei der sieben Mütter sind noch am Leben: die Slowakin Eva Fleischmanová und Miriam Rosenthal, die heute in Kanada lebt. Eva Fleischmanová wollte erst nicht mit den beiden Autorinnen sprechen, zu sehr schmerzen ihre Erinnerungen. Auch ihrer Tochter Marika Nováková hatte sie lange nicht erzählt, warum das oberbayerische Dorf Kaufering als Geburtsort in ihrem Pass stand. Sie hatte geschwiegen, weil in der Slowakei nach dem Krieg der Antisemitismus weit verbreitet war.

    KZ-Außenlager Kaufering. (Bild: Wachowski/Wikipedia)
    KZ-Außenlager Kaufering. (Bild: Wachowski/Wikipedia)

    In den neun Monaten vor der Befreiung gingen Fleischmanová und Rosenthal durch die gleiche Hölle, ohne voneinander zu wissen. Die Frauen wurden von einem KZ ins nächste verlegt, von Auschwitz nach Augsburg zur Zwangsarbeit in die Michel-Werke, dann nach Kaufering. Hitler wollte dort die ersten Düsenflugzeuge herstellen lassen. Die Angst war immer da, denn sie wussten, dass die Nazis schwangere Jüdinnen sofort ins Gas schickten. Ab 1941 tötete das Regime gezielt auch jüdische Kinder, rund 1,5 Millionen bis Kriegsende. Überlebensversicherung war, den Nazis nicht zu trauen. „Schwangere vor! Bekommen doppelte Portionen!“, brüllte einmal ein SS-Mann in Auschwitz. Trotz ihres Riesenhungers bewegte sich Miriam Rosenthal nicht, einer inneren Eingebung folgend. „Alle anderen sind gegangen, 200 Frauen vielleicht“, berichtet sie. Sie gingen in die Gaskammern. Eva Fleischmanová war noch im Sommer 1944 mehrere Tage in Auschwitz, wo sie zwei Mal von Mengele untersucht wurde. Sie hatte Glück. Ihr zu klein gewordenes Hemd tauschte sie gegen das weite einer Mitinsassin, um ihre Schwangerschaft zu verstecken.

    In einer unterirdischen Baracke in Kaufering im Winter 44/45 lernten sie sich kennen, beide bereits hochschwanger. Ein jüdischer Arzt aus Ungarn half ihnen bei der Niederkunft – Eva Fleischmanová nähte er ohne Narkose. Es gibt nur Vermutungen, warum die Frauen und ihre Kinder nicht ermordet wurden. „Die SS und die hohen Offiziere rechneten mit Strafen und wollten ihre Haut retten“, vermutete Ibolya Ginsburg, die die Geburt der sieben Babys in Kaufering als Häftling miterlebte.

    Während der Recherchen zu „Geboren im KZ“ nahmen die Kauferinger Kinder wieder Kontakt zueinander auf. Zu den Befreiungsfeiern 2010 in der Gedenkstätte Dachau werden sich sechs der sieben wiederbegegnen.

    „Geboren im KZ“, ARD, 23 Uhr 30

  • Lügen für die Liebe

    Im Kino: die Komödie „I love you Phillip Morris“//Im Jahr 1998 war Steven Jay Russell tot, eine Zeitlang. Aids. Über Monate war der Häftling des Houstoner County Jail immer schwächer geworden, und dann teilt der Gefängnisarzt den Behörden sein Ableben mit. Der Clou: Der Doktor, der die ganze Zeit die Krankenakte fütterte, ist Russel selbst – kerngesund, bloß liebeskrank. Raus aus dem Knast will er, um seinen Zellengenossen Phillip Morris wiederzusehen, in den er sich unsterblich verliebt hat. Artikel im Tagesspiegel vom 3. Mai 2010

    „I love you Phillip Morris“ beginnt mit Russell (Jim Carrey) auf dem „Totenbett“: Er will sein Hochstaplerleben erzählen, eine Summe von Lügen. Früher hat er es mal bürgerlich versucht, lebte in Georgia als Ehemann, Vater, guter Amerikaner. Doch er ist schwul – und verlässt seine Frau für einen Freund (Rodrigo Santoro), und seine Accessoires heißen fortan Hawaiihemd, Hündchen und Rolex. Das Leben in Miamis Schwulen-Schickeria ist allerdings teuer: Nach Versicherungsbetrügereien landet Russell im Gefängnis, wo er den schüchternen Phillip Morris (Ewan McGregor) kennenlernt.

    Schwer verliebt: Carrey ist Steven Jay Russel in "I love you Phillip Morris"
    Schwer verliebt: Carrey ist Steven Jay Russel in „I love you Phillip Morris“

    Als die Regisseure John Requa und Glenn Ficarra sich an das Buch wagten, waren die Probleme absehbar. Ein Homosexueller, der aus Liebe zum Betrugs- und Ausbruchskünstler wird? Das gruselt die Konservativen in den USA. Pikant obendrein: Der Film beruht auf einer realen Geschichte. Der echte Russel sitzt derzeit eine Strafe von 144 Jahren ab, in Texas.

    „I love you Phillip Morris“ nimmt die Sache demonstrativ von der leichten Seite. Russel ist ein charmanter, zudem gewaltlos operierender Gauner – tragisch bloß, dass er sich an gesellschaftlichen Konventionen aufreiben muss. Wobei die Homosexualität der Protagonisten kaum eine Rolle spielt. Anders als etwa in „Milk“ oder „Brokeback Mountain“ bleibt dem Zuschauer der Kraftakt erspart, sich für die Intoleranz der Gesellschaft fremdzuschämen. Es wird ganz einfach geliebt: so entzückend wie verzückend.

  • Maschinenraum des modernen Lebens

    Die Ausstellung „Things we do“ des türkischen Videokünstlers Ali Kazma im Kunstraum Tanas hat etwas von der Sendung mit der Maus. Auf acht Leinwänden wird in Kurzfilmen gebohrt, geschnitten, genäht, repariert, was das Zeug hält. Allerdings kommentiert keine Stimme aus dem Off die einzelnen Arbeitsschritte. Und die „Maus“ aus dem Kinderfernsehen würde wohl auch kaum eine Operation am offenen Kopf vorführen. Artikel im Tagesspiegel vom 20. April 2010

    Der Uhrmacher bei der Arbeit. Foto: Tanas

    Ali Kazma hat da keine Berührungsängste. Er zeigt Modedesigner, Töpfer, Gehirnchirurgen, islamische Schlachter und Tierpräparatoren bei ihrer Alltagsarbeit. Die Protagonisten werden alle mit dem gleichen Maß an sachlicher Neugier verfolgt. Zu sehen sind die kräftigen Hände eines Uhrmachers, der die geradezu mikroskopischen Teile eines Zeitmessers geschickt zusammenfügt. Am Schluss setzt er das Ziffernblatt ein und lässt den Klingelton hören – repariert. In „Casa di Moda“ wandelt sich ein Stück Stoff vom reinen Zwirn in ein Designerkleid. Zunächst wird er von maschinellen Webstühlen gewebt, geknüpft, vernäht. Bei einer italienischen Modenschau wird das Stück Stoff später zu wummernden Hip-Hop-Rythmen von Models über den Laufsteg getragen.

    Doch so heiter geht es nicht in allen Filmbeispielen Ali Kazmas zu. Die Demonstration einer Gehirnoperation erzeugt dagegen flaue Gefühle im Magen. Zunächst vermisst der Chirurg den Kopf einer Morbus-Parkinson-Patientin, die das Gefühl in den Armen verloren hat. Dann öffnet er den Schädel bei lokaler Betäubung. Wenige Zentimeter unterhalb der Kopföffnung blicken wach die Augen der Patientin in die Kamera. Auch die Bilder, in denen muslimische Schächter zappelnde Kühe mit einem schnellen Schnitt durch die Kehle töten, verlangen Robustheit. Blutbäche und Gedärme auf Fließbändern zeigen brutal die Hässlichkeiten hinter der Aufrechterhaltung des carnivoren Alltags. Während die Schächter ihre Messer prüfen, die scharf wie Samuraiklingen aussehen, blendet Kazma die vorwurfsvollen Blicke der Kühe ein.

    Vor der Zusammenarbeit mit seinen Protagonisten hat Kazma aufwendig recherchiert und die Menschen an ihren Arbeitsplätzen besucht. Allein in dem Schlachthof hat er tapfer fünf Tage zugebracht. „Der Geruch war das Schlimmste“, erinnert er sich. Obwohl der für den Nam-June-Paik-Preis 2010 nominierte Künstler ausschließlich Routineabläufe zeigt, ziehen die Geschichten in ihren Bann. Schnell wird klar, wie sehr wir nur noch Konsumenten sind – Fleisch liegt in der Theke, Kleidung hängt an Stangen, Töpfe und Keramik gibt’s im Kaufhaus. Ein interessanter Rundgang durch den Maschinenraum des modernen Lebens. Lars Dittmer

    Tanas, Heidestraße 50, bis 29. Mai; Di-Sa 11-18 Uhr. Künstlergespräch am 24. 4., 15 Uhr. Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Obstruction“ (Yapikredi Verlag, 18 €)

  • Zwei neue Hotels am Alex

    Die Wettbewerbsentwürfe für die Fassade wurden prämiert. Auch ein Hostel findet Platz. Gefragt war eine ansehnliche Verpackung//„Das Verfahren war ungewöhnlich, denn normalerweise entwirft man natürlich ein ganzes Haus“, sagte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bei der Preisverleihung des Architekturwettbewerbs „Alexander Parkside“ am Donnerstagabend. Die Stadtentwicklungsverwaltung hatte sechs Büros dazu aufgerufen, die Fassade für ein neues Hotelgebäude in der Nähe des Alexanderplatzes zu gestalten. Artikel im Tagesspiegel vom 17.04.2010 von Lars Dittmer

    Alexander Parkside. Den Wettbewerb für die Fassadengestaltung des geplanten Hotel-Komplexes an der Otto-Braun-Straße gewann das Architektenbüro Ludloff & Ludloff (l.). Der Investor favorisiert den drittplatzierten Entwurf des Büros Collignon.

    Gewinner war der mit Aluminiumtafeln versehene Entwurf der Berliner Büros Ludloff & Ludloff. Den Auftrag erhalten die Sieger dennoch nicht – der verantwortlichen Immobilienfirma IVG gefiel der Drittplatzierte besser.

    In das Gebäude Otto-Braun-Straße Ecke Wadzekstraße sollen bis Ende 2011 drei Hotels unterschiedlicher Preiskategorien einziehen. Auf den rund 30 000 Quadratmetern des Komplexes sollen ein „Hampton by Hilton“ mit zwei bis drei Sternen, ein „Holiday Inn“ mit drei bis vier Sternen, ein „Azure Hostel“ und ein „Boarding House“ mit 150 Apartments Platz finden. Das Projekt ist finanziert: Bei den Investoren handelt es sich um eine Gruppe aus Großbritannien und Luxemburg. „In der Gegend gibt es bislang wenig gute Unterkünfte für Touristen“, sagte IVG-Mitgesellschafter Holger Rausch.

    Vorgegeben war den Architekten das Gebäude und ein Kostenrahmen. In der Fassade sollten sich die unterschiedlichen Nutzer und die städtebauliche Situation widerspiegeln – so durften die Entwürfe durchaus eine gewisse Trutzigkeit in dieser sonst wenig einladenden Gegend ausstrahlen. Verschiedene Elemente behandelten die Büros ähnlich. Der Entwurf von Ludloff & Ludloff etwa sieht eine Fassadengliederung mit Fenstern unterschiedlicher Dimension und Anordnung vor. Auch die Drittplatzierten vom Berliner Architekturbüro Collignon planen unterschiedliche Fenstergrößen – je mehr die Touristen ausgeben, desto lichtdurchfluteter ihre Bleibe. Die Klassengesellschaft wird man an der Fassade ablesen können: Am Hostel wird sie schlichter, opulenter an den Sternehotels. Die Büros griffen allerdings zu recht unterschiedlichen Materialien. Während die Gewinner von Ludloff & Ludloff mit einer Metallfassade aufwarten, setzt Collignon auf Betonwerkstein. Was offenbar einer der Gründe war, dass sich die IVG nicht für den Favoriten der Jury, sondern für den Drittplatzierten entschied. „Wir wollten keine Gitter-Metall-Fassade, das hat so etwas Käfighaftes“, sagte Willfried Euler, Geschäftsführer des Immobilienkonzerns. Schätzungen der Gruppe hätten zudem ergeben, dass die Metallfassade teurer werden könnte. Zwar erhalten die Architekten von Ludloff & Ludloff nun die 7500-Euro-Siegprämie, auf das Votum der IVG reagierten sie dennoch enttäuscht. „Wir hätten uns eine andere Architektursprache am Alexanderplatz gewünscht“, sagte Jens Ludloff.

    Nach wie vor wird auf vielen Baustellen um den Alex gegraben. Auf rund 31 000 Quadratmetern soll ebenfalls in der Otto-Braun-Straße ein neues Stadtviertel mit Wohnungen und Geschäften entstehen. Bei einer Ausschreibung setzte sich vergangenen Januar der Entwurf von „Augustinundfrankarchitekten“ durch. Dafür weichen soll das „Haus der Statistik“, das nicht unter Denkmalschutz steht. Bislang gibt es keinen Bauplan und so steht auch kein genauer Realisierungstermin fest. Ein weiteres Projekt wächst derzeit in der Karl-Liebknecht-Straße Ecke Wadzekstraße heran – auf etwa 30 000 Quadratmetern zieht die TLG-Immobiliengruppe hier zurzeit einen Büro- und Hotelkomplex hoch. Der erste Mieter, ein Hotel der Ramada-Gruppe, soll im März 2011 einziehen. Die extravagante Schale gestaltete das Berliner Büro Nalbach & Nalbach. „Dazu gab es vor zwei Jahren einen ähnlichen Wettbewerb“, berichtet Helmut Kästner von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

    Wettbewerbe sind ein Mittel des Senats, den bald zwanzig Jahre alten Bebauungsplan Alexanderplatz den neuen architektonischen Gegebenheiten anzupassen und das Heft hier nicht aus der Hand zu geben. Der alte „B-Plan“ sah auch die Kollhoff’sche Wolkenkratzerbebauung um den Alexanderplatz vor. Für die 150-Meter-Hochhäuser fehlen jedoch nach wie vor Investoren. „Die Hochhäuser werden kommen“, zeigt sich Kästner überzeugt. „Wann, kann allerdings der beste Wahrsager der Welt nicht prognostizieren.“ Lars Dittmer

    Die Entwürfe „Parkside Alexander“ sind bis zum 29. April, Mo. bis Sa, 10 bis 18 Uhr in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, am Köllnischen Park 3, zu sehen.