Kategorie: Geschichten

  • „Geboren im KZ“: Das Wunder der sieben Babys von Kaufering

    Sieben Babys überlebten das KZ Kaufering, ihre Mütter gingen durch die Hölle. Der Dokumentarfilm „Geboren im KZ“ erzählt ihre Geschichte. Artikel im Tagesspiegel vom 28. April 2010 von Lars Dittmer//

    „Als ich hörte, dass sieben jüdische Babys das KZ Kaufering überlebt haben, konnte ich es nicht glauben“, sagt die WDR-Autorin Eva Gruberová. Als die US-Soldaten Ende April 1945 das Lager befreiten, fanden sie Leichenberge, halb verhungerte und typhuskranke Menschen. Und doch hängt der Beweis in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Vier Mädchen und drei Jungen halten die Mütter in die Kameras der Amerikaner. Gruberová beschloss zusammen mit Martina Gawaz, dieser Geschichte nachzugehen. Ihre Dokumentation „Geboren im KZ“ zeigt die ARD am Mittwoch, zum Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau (29. April) und des Außenlagers Kaufering (27. April).

    Zwei der sieben Mütter sind noch am Leben: die Slowakin Eva Fleischmanová und Miriam Rosenthal, die heute in Kanada lebt. Eva Fleischmanová wollte erst nicht mit den beiden Autorinnen sprechen, zu sehr schmerzen ihre Erinnerungen. Auch ihrer Tochter Marika Nováková hatte sie lange nicht erzählt, warum das oberbayerische Dorf Kaufering als Geburtsort in ihrem Pass stand. Sie hatte geschwiegen, weil in der Slowakei nach dem Krieg der Antisemitismus weit verbreitet war.

    KZ-Außenlager Kaufering. (Bild: Wachowski/Wikipedia)
    KZ-Außenlager Kaufering. (Bild: Wachowski/Wikipedia)

    In den neun Monaten vor der Befreiung gingen Fleischmanová und Rosenthal durch die gleiche Hölle, ohne voneinander zu wissen. Die Frauen wurden von einem KZ ins nächste verlegt, von Auschwitz nach Augsburg zur Zwangsarbeit in die Michel-Werke, dann nach Kaufering. Hitler wollte dort die ersten Düsenflugzeuge herstellen lassen. Die Angst war immer da, denn sie wussten, dass die Nazis schwangere Jüdinnen sofort ins Gas schickten. Ab 1941 tötete das Regime gezielt auch jüdische Kinder, rund 1,5 Millionen bis Kriegsende. Überlebensversicherung war, den Nazis nicht zu trauen. „Schwangere vor! Bekommen doppelte Portionen!“, brüllte einmal ein SS-Mann in Auschwitz. Trotz ihres Riesenhungers bewegte sich Miriam Rosenthal nicht, einer inneren Eingebung folgend. „Alle anderen sind gegangen, 200 Frauen vielleicht“, berichtet sie. Sie gingen in die Gaskammern. Eva Fleischmanová war noch im Sommer 1944 mehrere Tage in Auschwitz, wo sie zwei Mal von Mengele untersucht wurde. Sie hatte Glück. Ihr zu klein gewordenes Hemd tauschte sie gegen das weite einer Mitinsassin, um ihre Schwangerschaft zu verstecken.

    In einer unterirdischen Baracke in Kaufering im Winter 44/45 lernten sie sich kennen, beide bereits hochschwanger. Ein jüdischer Arzt aus Ungarn half ihnen bei der Niederkunft – Eva Fleischmanová nähte er ohne Narkose. Es gibt nur Vermutungen, warum die Frauen und ihre Kinder nicht ermordet wurden. „Die SS und die hohen Offiziere rechneten mit Strafen und wollten ihre Haut retten“, vermutete Ibolya Ginsburg, die die Geburt der sieben Babys in Kaufering als Häftling miterlebte.

    Während der Recherchen zu „Geboren im KZ“ nahmen die Kauferinger Kinder wieder Kontakt zueinander auf. Zu den Befreiungsfeiern 2010 in der Gedenkstätte Dachau werden sich sechs der sieben wiederbegegnen.

    „Geboren im KZ“, ARD, 23 Uhr 30

  • Lügen für die Liebe

    Im Kino: die Komödie „I love you Phillip Morris“//Im Jahr 1998 war Steven Jay Russell tot, eine Zeitlang. Aids. Über Monate war der Häftling des Houstoner County Jail immer schwächer geworden, und dann teilt der Gefängnisarzt den Behörden sein Ableben mit. Der Clou: Der Doktor, der die ganze Zeit die Krankenakte fütterte, ist Russel selbst – kerngesund, bloß liebeskrank. Raus aus dem Knast will er, um seinen Zellengenossen Phillip Morris wiederzusehen, in den er sich unsterblich verliebt hat. Artikel im Tagesspiegel vom 3. Mai 2010

    „I love you Phillip Morris“ beginnt mit Russell (Jim Carrey) auf dem „Totenbett“: Er will sein Hochstaplerleben erzählen, eine Summe von Lügen. Früher hat er es mal bürgerlich versucht, lebte in Georgia als Ehemann, Vater, guter Amerikaner. Doch er ist schwul – und verlässt seine Frau für einen Freund (Rodrigo Santoro), und seine Accessoires heißen fortan Hawaiihemd, Hündchen und Rolex. Das Leben in Miamis Schwulen-Schickeria ist allerdings teuer: Nach Versicherungsbetrügereien landet Russell im Gefängnis, wo er den schüchternen Phillip Morris (Ewan McGregor) kennenlernt.

    Schwer verliebt: Carrey ist Steven Jay Russel in "I love you Phillip Morris"
    Schwer verliebt: Carrey ist Steven Jay Russel in „I love you Phillip Morris“

    Als die Regisseure John Requa und Glenn Ficarra sich an das Buch wagten, waren die Probleme absehbar. Ein Homosexueller, der aus Liebe zum Betrugs- und Ausbruchskünstler wird? Das gruselt die Konservativen in den USA. Pikant obendrein: Der Film beruht auf einer realen Geschichte. Der echte Russel sitzt derzeit eine Strafe von 144 Jahren ab, in Texas.

    „I love you Phillip Morris“ nimmt die Sache demonstrativ von der leichten Seite. Russel ist ein charmanter, zudem gewaltlos operierender Gauner – tragisch bloß, dass er sich an gesellschaftlichen Konventionen aufreiben muss. Wobei die Homosexualität der Protagonisten kaum eine Rolle spielt. Anders als etwa in „Milk“ oder „Brokeback Mountain“ bleibt dem Zuschauer der Kraftakt erspart, sich für die Intoleranz der Gesellschaft fremdzuschämen. Es wird ganz einfach geliebt: so entzückend wie verzückend.

  • Maschinenraum des modernen Lebens

    Die Ausstellung „Things we do“ des türkischen Videokünstlers Ali Kazma im Kunstraum Tanas hat etwas von der Sendung mit der Maus. Auf acht Leinwänden wird in Kurzfilmen gebohrt, geschnitten, genäht, repariert, was das Zeug hält. Allerdings kommentiert keine Stimme aus dem Off die einzelnen Arbeitsschritte. Und die „Maus“ aus dem Kinderfernsehen würde wohl auch kaum eine Operation am offenen Kopf vorführen. Artikel im Tagesspiegel vom 20. April 2010

    Der Uhrmacher bei der Arbeit. Foto: Tanas

    Ali Kazma hat da keine Berührungsängste. Er zeigt Modedesigner, Töpfer, Gehirnchirurgen, islamische Schlachter und Tierpräparatoren bei ihrer Alltagsarbeit. Die Protagonisten werden alle mit dem gleichen Maß an sachlicher Neugier verfolgt. Zu sehen sind die kräftigen Hände eines Uhrmachers, der die geradezu mikroskopischen Teile eines Zeitmessers geschickt zusammenfügt. Am Schluss setzt er das Ziffernblatt ein und lässt den Klingelton hören – repariert. In „Casa di Moda“ wandelt sich ein Stück Stoff vom reinen Zwirn in ein Designerkleid. Zunächst wird er von maschinellen Webstühlen gewebt, geknüpft, vernäht. Bei einer italienischen Modenschau wird das Stück Stoff später zu wummernden Hip-Hop-Rythmen von Models über den Laufsteg getragen.

    Doch so heiter geht es nicht in allen Filmbeispielen Ali Kazmas zu. Die Demonstration einer Gehirnoperation erzeugt dagegen flaue Gefühle im Magen. Zunächst vermisst der Chirurg den Kopf einer Morbus-Parkinson-Patientin, die das Gefühl in den Armen verloren hat. Dann öffnet er den Schädel bei lokaler Betäubung. Wenige Zentimeter unterhalb der Kopföffnung blicken wach die Augen der Patientin in die Kamera. Auch die Bilder, in denen muslimische Schächter zappelnde Kühe mit einem schnellen Schnitt durch die Kehle töten, verlangen Robustheit. Blutbäche und Gedärme auf Fließbändern zeigen brutal die Hässlichkeiten hinter der Aufrechterhaltung des carnivoren Alltags. Während die Schächter ihre Messer prüfen, die scharf wie Samuraiklingen aussehen, blendet Kazma die vorwurfsvollen Blicke der Kühe ein.

    Vor der Zusammenarbeit mit seinen Protagonisten hat Kazma aufwendig recherchiert und die Menschen an ihren Arbeitsplätzen besucht. Allein in dem Schlachthof hat er tapfer fünf Tage zugebracht. „Der Geruch war das Schlimmste“, erinnert er sich. Obwohl der für den Nam-June-Paik-Preis 2010 nominierte Künstler ausschließlich Routineabläufe zeigt, ziehen die Geschichten in ihren Bann. Schnell wird klar, wie sehr wir nur noch Konsumenten sind – Fleisch liegt in der Theke, Kleidung hängt an Stangen, Töpfe und Keramik gibt’s im Kaufhaus. Ein interessanter Rundgang durch den Maschinenraum des modernen Lebens. Lars Dittmer

    Tanas, Heidestraße 50, bis 29. Mai; Di-Sa 11-18 Uhr. Künstlergespräch am 24. 4., 15 Uhr. Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Obstruction“ (Yapikredi Verlag, 18 €)

  • Zwei neue Hotels am Alex

    Die Wettbewerbsentwürfe für die Fassade wurden prämiert. Auch ein Hostel findet Platz. Gefragt war eine ansehnliche Verpackung//„Das Verfahren war ungewöhnlich, denn normalerweise entwirft man natürlich ein ganzes Haus“, sagte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bei der Preisverleihung des Architekturwettbewerbs „Alexander Parkside“ am Donnerstagabend. Die Stadtentwicklungsverwaltung hatte sechs Büros dazu aufgerufen, die Fassade für ein neues Hotelgebäude in der Nähe des Alexanderplatzes zu gestalten. Artikel im Tagesspiegel vom 17.04.2010 von Lars Dittmer

    Alexander Parkside. Den Wettbewerb für die Fassadengestaltung des geplanten Hotel-Komplexes an der Otto-Braun-Straße gewann das Architektenbüro Ludloff & Ludloff (l.). Der Investor favorisiert den drittplatzierten Entwurf des Büros Collignon.

    Gewinner war der mit Aluminiumtafeln versehene Entwurf der Berliner Büros Ludloff & Ludloff. Den Auftrag erhalten die Sieger dennoch nicht – der verantwortlichen Immobilienfirma IVG gefiel der Drittplatzierte besser.

    In das Gebäude Otto-Braun-Straße Ecke Wadzekstraße sollen bis Ende 2011 drei Hotels unterschiedlicher Preiskategorien einziehen. Auf den rund 30 000 Quadratmetern des Komplexes sollen ein „Hampton by Hilton“ mit zwei bis drei Sternen, ein „Holiday Inn“ mit drei bis vier Sternen, ein „Azure Hostel“ und ein „Boarding House“ mit 150 Apartments Platz finden. Das Projekt ist finanziert: Bei den Investoren handelt es sich um eine Gruppe aus Großbritannien und Luxemburg. „In der Gegend gibt es bislang wenig gute Unterkünfte für Touristen“, sagte IVG-Mitgesellschafter Holger Rausch.

    Vorgegeben war den Architekten das Gebäude und ein Kostenrahmen. In der Fassade sollten sich die unterschiedlichen Nutzer und die städtebauliche Situation widerspiegeln – so durften die Entwürfe durchaus eine gewisse Trutzigkeit in dieser sonst wenig einladenden Gegend ausstrahlen. Verschiedene Elemente behandelten die Büros ähnlich. Der Entwurf von Ludloff & Ludloff etwa sieht eine Fassadengliederung mit Fenstern unterschiedlicher Dimension und Anordnung vor. Auch die Drittplatzierten vom Berliner Architekturbüro Collignon planen unterschiedliche Fenstergrößen – je mehr die Touristen ausgeben, desto lichtdurchfluteter ihre Bleibe. Die Klassengesellschaft wird man an der Fassade ablesen können: Am Hostel wird sie schlichter, opulenter an den Sternehotels. Die Büros griffen allerdings zu recht unterschiedlichen Materialien. Während die Gewinner von Ludloff & Ludloff mit einer Metallfassade aufwarten, setzt Collignon auf Betonwerkstein. Was offenbar einer der Gründe war, dass sich die IVG nicht für den Favoriten der Jury, sondern für den Drittplatzierten entschied. „Wir wollten keine Gitter-Metall-Fassade, das hat so etwas Käfighaftes“, sagte Willfried Euler, Geschäftsführer des Immobilienkonzerns. Schätzungen der Gruppe hätten zudem ergeben, dass die Metallfassade teurer werden könnte. Zwar erhalten die Architekten von Ludloff & Ludloff nun die 7500-Euro-Siegprämie, auf das Votum der IVG reagierten sie dennoch enttäuscht. „Wir hätten uns eine andere Architektursprache am Alexanderplatz gewünscht“, sagte Jens Ludloff.

    Nach wie vor wird auf vielen Baustellen um den Alex gegraben. Auf rund 31 000 Quadratmetern soll ebenfalls in der Otto-Braun-Straße ein neues Stadtviertel mit Wohnungen und Geschäften entstehen. Bei einer Ausschreibung setzte sich vergangenen Januar der Entwurf von „Augustinundfrankarchitekten“ durch. Dafür weichen soll das „Haus der Statistik“, das nicht unter Denkmalschutz steht. Bislang gibt es keinen Bauplan und so steht auch kein genauer Realisierungstermin fest. Ein weiteres Projekt wächst derzeit in der Karl-Liebknecht-Straße Ecke Wadzekstraße heran – auf etwa 30 000 Quadratmetern zieht die TLG-Immobiliengruppe hier zurzeit einen Büro- und Hotelkomplex hoch. Der erste Mieter, ein Hotel der Ramada-Gruppe, soll im März 2011 einziehen. Die extravagante Schale gestaltete das Berliner Büro Nalbach & Nalbach. „Dazu gab es vor zwei Jahren einen ähnlichen Wettbewerb“, berichtet Helmut Kästner von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

    Wettbewerbe sind ein Mittel des Senats, den bald zwanzig Jahre alten Bebauungsplan Alexanderplatz den neuen architektonischen Gegebenheiten anzupassen und das Heft hier nicht aus der Hand zu geben. Der alte „B-Plan“ sah auch die Kollhoff’sche Wolkenkratzerbebauung um den Alexanderplatz vor. Für die 150-Meter-Hochhäuser fehlen jedoch nach wie vor Investoren. „Die Hochhäuser werden kommen“, zeigt sich Kästner überzeugt. „Wann, kann allerdings der beste Wahrsager der Welt nicht prognostizieren.“ Lars Dittmer

    Die Entwürfe „Parkside Alexander“ sind bis zum 29. April, Mo. bis Sa, 10 bis 18 Uhr in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, am Köllnischen Park 3, zu sehen.

    

  • Der Anfang vom Lied

    Wunder mit Methode: Warum Schweden unentwegt erfolgreiche Popmusiker hervorbringt. „Der schwedische Staat macht es einem unheimlich leicht, Künstler zu sein,“ sagt Nina Persson, Sängerin der Cardigans. Artikel im Tagesspiegel vom 8. April 2010 von Lars Dittmer

    Ein Klangteppich aus Gitarrengeschrammel und Keyboardsounds durchzieht die Konzerthalle des Berliner Astra-Clubs. Auch das letzte Paar Chucks hüpft jetzt auf und ab. Auslöser der Begeisterung ist die fünfköpfige Indiekapelle Shout Out Louds, die ganz unglamourös in T-Shirts und Jeans auftritt. Denn den Stockholmern geht es nur um die Musik. Und die ist, wie schon der Titel ihres neuen Album „Work“ (Universal) andeutet, solide Handwerksarbeit – nicht spektakulär, aber einfach gut: verspielte, präzise Gitarrenriffs, die an The Cure erinnern, eingängige Melodien, Mitstampfrhythmen,dazu die verhallte und leicht melancholische Stimme von Sänger Adam Olenius.

    Vor der Show im Biergarten des Clubs zeigen sich Olenius und Bassist Ted Malmros optimistisch. Die Konzerte in Hamburg und Berlin seien schnell ausverkauft gewesen, berichten sie. „Sogar in Rostock war die Halle gut gefüllt – die Stadt kannten wir vorher nicht mal“, sagt Malmros. Nicht nur die Shout Out Louds sind derzeit auf der Überholspur. Gerade hat das aufstrebende Folkduo First Aid Kit sein Berliner Publikum verzückt. Auch sie kommen aus Schweden und stehen für die unglaubliche Poptradition des skandinavischen Landes, die in schöner Regelmäßigkeit internationale Hits hervorbringt.

    Vor allem im Indierock und im Electropop ist Schweden heute gut aufgestellt, mit etablierten Bands wie den Cardigans, Mando Diao, Peter Björn and John und The Knife, aber auch einer steten Zufuhr an jungen Musikern wie etwa Lykke Li. Grund dafür ist eine Mischung aus protestantischer Arbeitsmoral, Gemeinschaftsgefühl, einer fast kostenfreien Musikerziehung und gutem Englisch. Und nicht zuletzt: die Gabe, Trends schnell zu erkennen und zu besetzen.

    Erfolgreiche Bands aus Schweden sind nichts Neues: Bis heute verkauften Abba 370 Millionen Alben und reihen sich damit gleich hinter den Beatles ein. In den Neunzigern brachte Schweden Musiker wie Ace of Base, Roxette und Robyn hervor. Letztere startete ihre Karriere vor drei Jahren mit einem tollen Album neu, was ihr einen Platz im Vorprogramm der letzten Madonna-Tour einbrachte. Manchmal sind auch Schweden drin, wo USA draufstehen: Songwriter und Produzenten wie Anders Bagge und Rami Yacoub arbeiten für Pink und Britney Spears.

    Nina Persson auf dem Stockholm Pride Festival 2009. (Bild: Nyman/Wikipedia)
    Nina Persson auf dem Stockholm Pride Festival 2009. (Bild: Nyman/Wikipedia)

    „Als die Cardigans in den frühen Neunzigern anfingen, war die schwedische Musikindustrie bereits international vernetzt“, erzählt Nina Persson, Sängerin der Cardigans, am Telefon. Sie lebt heute in New York, ist mit dem US-Musiker Nathan Larson verheiratet, und parliert, wie so viele ihrer Landsleute, fließend in Englisch. Mehr als 80 Prozent der Schweden beherrschen die Sprache, Kinder lernen sie von früh auf, und englischsprachige Filme werden im TV nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln gezeigt.

    „Der schwedische Staat macht es einem unheimlich leicht, Künstler zu sein,“ sagt Persson. In den Nachkriegsjahren wurde ein Netz von kommunalen Musik- und Kunstschulen eingerichtet, um Kindern und Jugendlichen eine kostenfreie Musikerziehung zu ermöglichen. Von den 290 Kommunen des Landes besitzen 278 eine solche Einrichtung. „Die Beteiligung aller Klassen am kulturellen Leben war parteiübergreifender Konsens und Teil des Sozialstaatsgedankens“, sagt Bo Tobiasson, Professor an der königlichen Musikhochschule in Stockholm. Insbesondere in den Siebzigern und Achtzigern entstand in der Provinz eine Garagenbandkultur, die auch kommerziell erfolgreiche Bands hervorbrachte – fast alle Mitglieder der Cardigans lernten in diesen Schulen klampfen und trommeln.

    Hinzu kommt die grundsätzliche Offenheit der Schweden für Moden. „Wenn es irgendwo auf der Welt einen Trend gibt, kann man sicher sein, dass eine schwedische Band ihn aufnimmt“, sagt Persson. Und Musik- und Modetrends verbreiten sich meist schnell unter den 9,1 Millionen Einwohnern. Die Schweden verstehen sich als eine Art große Familie, mit flachen Hierarchien, aber auch einer gewissen sozialen Kontrolle. „Wir sind nicht besonders individualistisch. Auffallen möchte hier keiner“, bekennt Ted Malmros von den Shout Out Louds.

    Erfolg dient in der Selbstwahrnehmung der Schweden nicht primär dem Ziel, reich zu werden, sondern der Gemeinschaft. „Gute Musik hilft dem ganzen Land. Wir sehen uns auch als kulturelle Botschafter“, sagt Shout-OutLouds-Sänger Olenius. Für so viel Patriotismus revanchiert sich der Staat. Denn trotz Sparzwang greift er seinen Musikern nach wie vor mit Stipendien unter die Arme: Rund 11,5 Millionen schwedische Kronen, etwa 1,2 Millionen Euro, verteilt er jährlich unter mehr als 140 Bands, über 20 Millionen Euro gibt es für regionale Musikorganisationen. Zum Vergleich: Mit etwa zwei Millionen Euro fördert Deutschland über die „Initiative Musik“ Künstler und Musikunternehmen.

    Im Jahr 1993 wurde der Branchenverband Export Music Sweden (ExMS) gegründet, der die schwedische Musik in alle Welt tragen soll. Jedoch: Reich sind auch in Schweden die wenigsten Musiker. Etwa zwei Milliarden Kronen, 205 Millionen Euro, nahm das Land im Jahr 2006 durch Musikexporte und Lizenzgebühren ein – ein kleiner Teil des Wirtschaftkuchens. Dennoch zählt ExMS-Chef Anders Hjelmtorp Schweden zu den größten Musikexporteuren der Welt: „Wir dürften auf Nummer 5 oder 6 liegen und verkaufen von Jahr zu Jahr mehr.“ Den nackten Zahlen nach haben Länder wie Deutschland und Kanada bislang die Nase vorn. Dieser Vorsprung könnte jedoch enger werden – dank der Schwedenrezeptur und dem Ethos, dem auch die Shout Out Louds ihr neues Album widmen: Work.

  • Seltsame Alltagsutensilien im Museum der Dinge

    Vor einigen Objekten fragt sich der Besucher amüsiert, wozu sie dienen und wer sich die Mühe gemacht hat, sie zu erfinden. Zwanzig Jahre streifte Designer Tim Brauns weltweit über Flohmärkte und akquirierte eine Vielzahl teils kurioser Utensilien. Artikel im Tagesspiegel vom 7. April 2010 von Lars Dittmer

    Nützlich, nützlich – Werbung für "außerordentlich praktisches Tischgeräth" von 1901 (Wikipedia)

    Ein „Eierschalensollbruchstellenverursacher“ ist eine Vorrichtung von der Größe eines Korkenziehers, die in nur einem Schritt das Morgen-Ei löffelfertig köpft. Das Gerät umschließt die Spitze des Eis, dann saust ein Gewicht herab und zerteilt das Ei. Der Apparat mit dem ungelenken Namen gehört zu den Kostbarkeiten, die Tim Brauns in der Ausstellung „Funktionsprinzipien der Dinge“ im Werkbundarchiv, dem Kreuzberger Museum der Dinge, ausbreitet. Zwanzig Jahre streifte der Designer weltweit über Flohmärkte und akquirierte eine Vielzahl teils kurioser Utensilien.

    Vor einigen Objekten fragt sich der Besucher amüsiert, wozu sie dienen und wer sich die Mühe gemacht hat, sie zu erfinden. „Dinge sind wie Knoten in Taschentüchern, sie erinnern mich an etwas und erzählen eine Geschichte“, sagt Brauns, der sich selbst als „dingbezogene“ Person bezeichnet. Während seiner Beutezüge war ihm aufgefallen, wie unterschiedlich funktionsgleiche Dinge sein können. Die 120 Exponate sind nach Funktionsweisen gehängt, je nachdem ob sie schneiden, öffnen, ordnen. Dadurch rücken Material, Herkunft und Verarbeitung in den Fokus. Über diese, so Tim Brauns, lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion. „Die Sprache der Flohmärkte“, nennt er das.

    „Ein Korkenzieher aus dreißig verschiedenen gusseisernen Teilen verrät, dass damals andere Stundenlöhne galten,“ sagt Brauns. Majestätisch wirkt neben dem schlichten Gerät der „Charles de Gaulle“, ein roter Plastiköffner, der triumphierend die „Arme“ hebt. Brauns’ Diagnose: „Der stammt aus einer Zeit, in der ein neuer Kunststoff seine Verwendung gesucht hat.“ Dominant in der Ausstellung sind Bügelhalter in allen Variationen: von sozialistischer Holzklasse bis zu barocker Opulenz. Weniger durchgesetzt im Alltagsgebrauch haben sich Bulettenwender, Sardinendosen- und Einweckglasöffner. Doch nicht nur in der aktuellen Ausstellung findet sich manch rares Stück. Im Museum der Dinge trifft Nützliches auf Fetische, Schönes auf Hässliches, Geschmackvolles auf Kitsch. Der Museumsbesuch lohnt nicht nur für dingbezogene Menschen. Museum der Dinge, Oranienstraße 25, bis 26. April, Fr. bis Mo. 12–19 Uhr

  • Gabe an die Götter

    Die Männer gehen mit langen Holzstöcken aufeinander los, splitterfasernackt, umringt von ihren Stämmen, die sie anfeuern. „Als die Stöcke durch die Luft sausten, hatte ich kurz Angst“, sagt die Turiner Fotografin Giorgia Fiorio. Die Kämpfe auf dem „Donga-Fest“ des äthiopischen Surma-Volkes sind eine Mischung aus Erntedank-Ritual und kampfsportlicher Männlichkeitsbezeugung. Zu Todesfällen kommt es bei dem Ritual üblicherweise nicht, aber das Blutvergießen der Krieger stellt eine Opfergabe dar. Artikel im Tagesspiegel vom 25. April 2010 von Lars Dittmer

    Geben und Nehmen – das ist eine Konstante der menschlichen Spiritualität, wie Giorgia Fiorio in ihrer Fotoausstellung „Ritus – Die Gabe“ zeigt, die derzeit in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist. Menschen bieten ihren Gottheiten etwas an, und erhoffen sich dafür etwas.

    Reinigend. Voodoo-Fest in den Aguas Blancas-Fällen auf Haiti. Foto: Fiorio/Agentur Focus

    Ihre selbst finanzierten Reisen führten Giorgia Fiorio neun Jahre lang in 38 Länder, sie fotografierte Mönche in polnischen Klöstern, rotierende Derwische in der Türkei, Voodoo-Zeremonien in Haiti, Tempelanlagen in Südostasien. „Überall dreht es sich um Geburt, Fruchtbarkeit, das Leben, das Sterben“, sagt die 42-Jährige. Ihre szenischen, großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen aber nicht nur uralte Rituale, sondern auch Zeremonien, wie sie Buchreligionen wie Islam und Christentum vorsehen. Auf einem dramatischen Hochformat sieht man etwa die Passionsspiele auf den Philippinen. Ein Katholik lässt sich während der Karwoche kreuzigen. „Manche verlangen sogar danach, mit Nägeln befestigt zu werden“, sagt Fiorio. Die Gläubigen kasteien sich, um von ihren Sünden gereinigt zu werden.

    Nicht alle Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, waren sofort damit einverstanden, während der religiösen Zeremonie fotografiert zu werden. „Oft erhielten wir nach Monaten der Reise zunächst einmal eine Abfuhr“, berichtet Fiorio. Doch mit viel Geduld überzeugte sie die Menschen. Auffällig ist die Abwesenheit von Frauen auf den Fotos. Lässt sich Fiorios Ausstellung also als Kritik an der Wiederkehr einer konservativen Religiosität lesen? Giorgia Fiorio verneint. „Meine Fotos haben keine politische Intention. Außerdem ist die Frau in den meisten Ritualen privilegiert. Schließlich ist sie es, die angebetet wird.“ Lars Dittmer

    Auguststr. 5a, bis 2. 5., tgl. 11 – 20 Uhr.

  • Schläfer, Schnarcher, Süchtige

    Rhythmisches Atmen aus allen Ecken, hie und da ein Säuseln, schmatzende Laute sich im Bette drehender Menschen. Wer einmal in Mehrbettzimmern großer Jugendherbergen genächtigt hat, kennt diese Geräuschkulisse. Der dänische Klangkünstler und Wahlberliner Jacob Kirkegaard hat die nächtlichen Laute von Freunden und Bekannten aufgezeichnet und zu einer Klangcollage unter dem Namen „House of Mare“ zusammengestellt. Sie wurde letzte Woche im „Hotel Marienbad“, einem Projekt der Kunstwerke in der Auguststraße in Berlin Mitte, für nur einen Abend präsentiert. Artikel im Tagesspiegel vom 23. März 2010 von Lars Dittmer

    "A Dream of Crime & Punishment", Engraving by J.J. Grandville (Jean Ignace Isidore Gérard) as published in "Harper's Magazine" in the USA in the 19th century

    Die Besucher standen verdutzt vor einem großen Bett, über dem ein morbider Pferdekopf und 16 Lautsprecher hingen, aus denen die Schlafgeräusche ertönten. „Im Gegensatz zur Kontrolliertheit unserer Alltagssprache wollte ich das Unterbewusste und Unintentionale verarbeiten,“ sagt der Soundkünstler. Die „Schläfer“ wurden abends nur mit einer Flasche Champagner ausgestattet, durften noch unter die Dusche springen und wurden dann ihren Träumen überlassen.

    In der Marienbad-Reihe der Kunstwerke werden Künstler eingeladen, eine Nacht in dem von der Gruppe „Fort“ eingerichteten Hotelzimmer zu verbringen. Hier können sich die Kreativen Projekte einfallen lassen, die sich an den Schnittstellen von Öffentlichkeit und Privatheit abarbeiten – dem Ambiente eines Hotels.

    Diesen Freiraum nutzten auch die anderen Schlafgäste, und so sind in zwei Jahren Marienbad die unterschiedlichsten Vorhaben umgesetzt worden. Das Frankfurter Ehepaar Rausch präsentierte Bilder aus seiner Sammlung. Später verschönerte Wolfgang Breuer die Suite mit einbruchssicheren Fenstern, eine Anspielung auf die Immobilienblase in den Vereinigten Staaten.

    Mit einer bizarren Aktion schließt die Marienbad-Reihe nun vorerst die Hotelpforten: Einen Drogenentzug will das Künstlerduett Benjamin Blanke und Claudia Knapp unter dem Motto „Cold Turkey – an Invitation“ in die Hotelsuite verlagern und künstlerisch begleiten. „Der Entzug selbst wird komplett von ärztlichem Personal durchgeführt“, sagt Claudia Knapp. „Uns interessiert dabei die Grauzone zwischen Spektakel und Tabuisierung, in der sich Drogenabhängigkeit gesellschaftlich befindet.“

    Das Angebot des kostenfreien Entzugs kursiert seit drei Wochen in Onlineforen und hat bereits das Interesse von 80 Personen nach sich gezogen, Künstlern und anderen Abhängigen. Unter ihnen auch ein Drogensüchtiger aus Singapur, dem in seinem Heimatland drakonische Strafen wegen seiner Abhängigkeit drohen. Der Entzug verläuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der künstlerische Effekt ist aufseiten des Publikums bloß imaginiert, Spektakel ohne Spektakel. Das Ende der Aktion ist bislang noch offen und in welcher Form sich dann die Therapierten zu Wort melden, bleibt ihnen überlassen.

    Das Projekt stellt einen letzten Schritt in einer künstlerischen Entwicklung dar, die den Menschen selbst zum Kunstobjekt erklärt. So siedelte Joachim Gerz unter dem Titel „2-3 Straßen“ 78 Menschen in drei Problemvierteln des Ruhrpotts an und ließ sie einen gemeinsamen Text schreiben. Zur Inszenierung des Todes ist es bislang noch nicht gekommen – trotz einer Ankündigung Gregor Schneiders, der vor zwei Jahren einen Verstorbenen in einem Museum ausstellen wollte. Dazu kam es nicht.

  • Berliner Fotoausstellungen zelebrieren die Kunst des Stilllebens

    Früchte, Blumen, tote Tiere. Die Fotos leben, spielen mit den Symbolen der Vanitas – die kaum noch jemand versteht// Vera Mercer macht Stillleben. Ja, es geht irgendwie um das Leben, das wird sofort klar. Von „still“ kann allerdings keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Man wird in Mercers Ausstellung in der Kommunalen Galerie Berlin Zeuge eines Kampfes zwischen Aufblühen und Verdorren, Leben und Tod. Die Fotografien der 73-jährigen Wahlamerikanerin entsprechen bis in die Motive hinein den symbolgeladenen barocken Stillleben – Früchte, zerlegte Tiere, Blumen. Auch in den Arbeiten anderer zeitgenössischer Fotografen wird zurzeit mit klassischer Bildsprache inszeniert. Ist das Stillleben ein neuer Trend in der Fotografie? Artikel im Tagesspiegel vom 16. März 2010 von Lars Dittmer

    Auf einem Foto von Vera Mercer begegnet man einem toten Hahn, er hat den bunt gefiederten Kopf auf seine Krallen gelegt, neben einem schimmelnden Käse. Grüne, saftige Blätter ragen in das Memento-mori-Ensemble hinein, als wollten sie Platz schaffen für neues Leben. Das Junge, Frische trifft hier auf das Verwelkende, Tote – und löst es ab.

    Einst sollten Stillleben den Menschen Moral beibringen. – Foto: Vera Mercer

    „Vanitas“, Vergänglichkeit, ist eins der ersten Worte, die Kurator Matthias Harder bei der Vernissage benutzt. Auch für Grusel ist gesorgt: Der geheime Star der Ausstellung ist das Bild eines abgetrennten Schweinekopfs mit herausgeschnittenen Augen, der mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf einer Platte serviert wird, gemeinsam mit einer Hyazinthe und einer feigenartigen Frucht. Wem fiele da nicht der Begriff „Dekadenz“ ein?

    „Der Schweinekopf hängt auch in meinem Restaurant in Omaha“, sagt Mercer, die im Berlin der dreißiger Jahre als Vera Merz geboren wurde und sich später einen Künstlernamen zulegte. Mit Daniel Spoerri war sie in den sechziger Jahren nach Paris gezogen und hatte Künstler wie Niki de Saint-Phalle und Jean Tinguely kennengelernt. Spoerri hatte später „Eat Art“, Esskunst, populär gemacht.

    Heute lebt Vera Mercer in Nebraska. „Am Anfang jedes meiner Bilder steht ein totes, essbares Tier“, sagt sie. Erst wenn sie das habe, mache sie sich Gedanken darüber, wie sie das Stillleben arrangiert. Viele klassische Stilllebensymboliken finden sich auf ihren Fotos wieder, Chiffren, die im 17. Jahrhundert zum erzieherischen Auftrag gehörten, dem sich die Künstler verpflichtet fühlten. Man wollte den Menschen Demut und Gottesfurcht durch eine Reihe von Bildsymbolen einimpfen. Abbrennende Kerzen etwa waren ein Zeichen für den Tod, Obst stand für den biblischen Sündenfall.

    Diese Symbolik liegt Vera Mercer fern. „Ich finde meine Bilder schön und denke nicht an Botschaften darin“, sagt sie. Auch mit dem Tod habe ihre Kunst wenig zu tun, sondern vielmehr mit „Essen, Form und Farbe“. Das war es schon? Bunte Fotos, postmoderne Deko, ohne tieferen Sinn? Fast mag man es nicht glauben angesichts der Genauigkeit, mit der die Künstlerin zitiert.

    Vielleicht wird man im Künstlerhotel Bogotá in der Nähe des Kurfürstendamms schlauer, in dem derzeit eine Ausstellung unter dem Titel „Flowers“ zu sehen ist, mit Blumenbildern von Mercer und anderen Künstlern. Seit dem 15. Jahrhundert ist auch das Blumenstillleben eine wiederkehrende Bildgattung, aufgeladen mit verschlüsselten Botschaften. Der Bildband „Flower Power“ von Matthias Harder, der die Ausstellung begleitet, präsentiert Blumenbilder von 32 zeitgenössischen Fotografen. Einen „Trend“ würde Harder trotzdem nicht in dem Motiv sehen. „Wenn man nach etwas sucht, begegnet es einem überall.“

    Dennoch finden sich in dem Band Referenzen zuhauf. Die Niederländerin Margriet Smulders oszilliert mit ihren klatschigen, teils bis zu zehn Meter breiten Blumenarrangements zwischen Impressionismus und flämischer Barockmalerei. Tendenzen zum klassischen Blumenstillleben finden sich bei Hans-Peter Feldmann und Luzia Simons; besonders ausgeprägt ist das Vanitas-Thema in den Langzeitbelichtungen von Michael Wesely, der die Evolution einer Blume ins Bild setzt.

    Doch knüpfen die Künstler hier tatsächlich an das barocke Sendungsbewusstsein an? Teils werden die Botschaften in Harders Buch verkehrt und dekonstruiert, teils steht das Dekorative im Vordergrund. „Mit den Bedeutungen von damals wird in erster Linie gespielt“, erklärt der Autor. Denn Anknüpfen ließe sich an die klassische Bildsprache nicht mehr: „Frühere Generationen konnten Stillleben lesen, heute ist das Wissen um ihre Symbolik verloren gegangen.“

    Vera Mercer bezeichnet ihre Kunst deshalb gerne als „altmodisch“ – wenngleich ihr Eklektizismus hochmodern ist. „Das Zitieren gibt den Künstlern von heute eine gewisse Sicherheit“, sagt Eva Bertram, selbst Fotografin und Dozentin an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin-Mitte. „Es bietet eine Orientierung in der medialen Bilderflut und ermöglicht den Künstlern, eigene Ideen in bereits für wertvoll befundene Genres einfließen zu lassen.“ Einen Trend stelle dies aber nur mit Vorbehalt dar, wenngleich die Zitattechnik „wellenförmig“ wiederkehre. Außerdem, ergänzt Matthias Harder, stehe heute eine unendliche Bandbreite von Genres zur Verfügung. Ein Paradies für Spurensucher.

    Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, bis 25. April, Di.–Fr. 11–17 Uhr, Mi. 11 –19 Uhr. Hotel Bogotá, Schlüterstraße 45, bis 27. April.

  • Pazifistische Farben

    Wie das historische Filmmaterial von „Der Krieg“ für die ARD nachträglich koloriert wurde// „Die Menschen waren früher auch nicht schwarz-weiß. Ich gebe ihnen also ihre Farbe lediglich zurück“, sagte François Montpellier kürzlich der französischen Zeitung „L’Express“. 13 Monate hat sich der französische Videospezialist in seinem Studio eingeschlossen, um dem historischen Filmmaterial für den ARD-Dreiteiler „Der Krieg“, dessen letzte Folge am Montag in der ARD ausgestrahlt wird, eine Farbkur zu verpassen. Nur zwei Studios weltweit kolorieren Produktionen dieser Größenordnung nach – neben Paris gibt es noch eines in San Diego. Artikel im Tagesspiegel vom 14. März 2010 von Lars Dittmer

    Mit der Präzision heutiger High-Definition-Produktionen haben die gedeckten, erdigen Töne der Nachfärbung allerdings nicht mehr viel zu tun. „Anders ließe sich das sensible Schwarz-Weiß-Material nicht kolorieren, es ist einfach zu dunkel“, sagt Alexander von Sallwitz vom NDR. So orientierte sich Montpellier an einem Farbklima, wie es in Filmen zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges zu finden war. Rund fünf Prozent aller Filme wurden damals in Farbe gedreht, auch Aufnahmen von Hitler auf dem Obersalzberg – ohne Ton, doch für damalige Verhältnisse auf dem neuesten Stand der Technik.

    Der Prozess der Nachkolorierung geschah komplett per Computer und szenenweise. Zunächst mussten Farbprofile erstellt werden – hier fließen die angesprochenen historischen Filme aus Kriegszeiten mit ein, aber auch Material aus einer früheren Zusammenarbeit Montpelliers mit dem Duo Clarke/Costelle in „Les Ailes des héros“ von 2004, das historische Flugaufnahmen beinhaltet. Geschichtlich wollte man so präzise wie möglich arbeiten. Es oblag dem Historiker Antoine Dauer, herauszufinden, welches Wetter herrschte, was enorm wichtig ist für die dargestellten Lichtverhältnisse. „Während der Schlacht von Dünkirchen im Juni 1940 war der Himmel von erdrückendem Frühlingsblau“, sagt Montpellier.

    Auch welche Uniformen von welcher Einheit getragen wurden, ob Waffen und Fahrzeuge eher dunkel, grün oder ockerfarben waren, musste bestimmt werden. Problematisch war es etwa, in verschiedenen Schlachten, die französische und die italienische Flagge auseinanderzuhalten, berichtet Montpellier. In Schwarz-Weiß sehen beide Trikolorfahnen fast identisch aus. Mit seinem Fundus an Vergleichsbildern erzeugt Montpellier durch einen Algorithmus Farbtöne, die per Computer den Schwarz- und Grautönen zugeteilt werden. Eine Wiese wird nicht einfach nur grün eingefärbt, sondern ergibt sich im Zusammenspiel von Braun- und Grüntönen. Durch ein spezielles Verfahren behalten die zugewiesenen Bereiche ihre Farbprofile. Ein Wehrmachtshelm bleibt so eine ganze Szene über hellgrau und muss nicht Bild für Bild nachgefärbt werden.

    Doch dasVerfahren hat seine Grenzen. Auch Augen- und Haarfarben müssen zugeteilt werden – hier beginnen Imagination und Kunst. Und hier setzt auch die Kritik an der Nachkolorierung an. Speziell in Deutschland wurde der Vorwurf der Geschichtsverfälschung gegen die Nachkolorierung historischen Filmmaterials vorgebracht. „Dabei ist Film immer eine Interpretation der Realität“, entgegnet Alexander von Sallwitz. Und letztlich müsse auch der erreichte Effekt in Betracht gezogen werden. „Der Krieg erscheint in Farbe viel schrecklicher. Daher ist die Botschaft der Autoren eine zutiefst pazifistische.“

    „Der Krieg“, Montag, 21 Uhr, ARD