Schlagwort: COP 15 Copenhagen

  • „Einige wollen unsere Stadt in Brand setzen“

    Jetzt beginnt die heiße Protest-Phase in Kopenhagen: Tausende Demonstranten werden am Sonnabend zu einer Großdemonstration am Rande des Klimagipfels erwartet. Angekündigt haben sich auch radikale Gruppen. „Darauf sind wir gefasst“, sagt Lars-Christian Borg, Sprecher der Kopenhagener Polizei. Interview bei Klimaretter.info vom 11. Dezember 2009

    Lars-Christian Borg, Sprecher der Polizei Kopenhagen

    Wir-Klimaretter.de: Herr Borg, langsam läuft der Protest warm.

    Lars-Christian Borg: Viel ist noch nicht los.

    Seit Wochen wird davor gewarnt, radikale Kräfte könnten den UN-Gipfel stürmen. Haben Sie handfeste Erkenntnisse?

    Ja, uns liegen entsprechende Informationen vor. Wir kooperieren mit vielen Ländern und haben auch eigene Ermittlungen angestellt. Wir wissen, dass es Aktivisten gibt, die hier mit feindseligen Absichten anreisen.

    Was meinen Sie mit „feindseligen Absichten“?

    Die meisten Protestler kommen her, um friedlich zu demonstrieren. Andere aber reisen an, um unsere Stadt in Brand setzen wollen. Wir sind darauf gefasst.

    Wie sieht die Strategie der dänischen Polizei aus?

    Wir suchen im Vorfeld den Dialog mit den Aktivisten, sodass beide Gruppen – Polizei und Klimaprotestler – voneinander lernen können. Unser Ziel ist, im Hintergrund zu bleiben. Wir wollen reden. Wenn aber Troublemaker auf den Plan treten, können wir auch anders. Die Sicherheit der Konferenzteilnehmer ist absolut zentral.

    Stehen Sie in Kontakt mit Aktivisten?

    Ja, schon seit vielen Monaten. Wir haben uns gegenseitig eingeladen und kommunizieren regelmäßig.

    Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren das so genannte „Lümmelpaket“, das die Befugnisse der Polizei immens erweitert und das Recht auf freie Meinungsäußerung beschneidet.

    Unsere Möglichkeiten der Verfolgung von gewalttätigen Protestlern haben sich eigentlich nicht geändert – nur die Strafen wurden erhöht. Wer in Kopenhagen an gewalttätigen Aktionen teilnimmt, kann jetzt bis zu 14 Tage im Gefängnis landen. Hoffentlich hat das eine abschreckende Wirkung.

    Finden Sie die Maßnahmen des „Lømmelpakke“ angemessen?

    Polizisten reden nicht über Politik. Das Paket wurde von der Politik erlassen – wir Polizisten kommentieren es nicht.

    Umfassender Service für die Inhaftierten – Lars-Christian Borg (rechts) von der Kopenhagener Polizei mit Wir-Klimaretter.de-Reporter Lars Dittmer. Der hält übrigens keinen Schlagstock in der Hand, sondern ein Fotostativ (Alle Fotos: Chris Weimann)

    Haben Sie eine private Meinung – beispielsweise zur Vorbeugehaft? Finden Sie die Verhaftung auf Verdacht angemessen für Menschen, die an Klimaprotesten teilnehmen?

    Wir sind uns der Problematik bewusst und wollen natürlich keine unschuldigen Menschen einsperren. Es kann aber auf der anderen Seite schwierig sein, den Krawallmacher vom friedliebenden Aktivisten zu unterscheiden. Wir haben das Problem oft diskutiert.

    Was sind die Kriterien? Ein Stein in der Hand oder langes Haar?

    Beim Stein in der Hand ist die Sache natürlich klar. Langes Haar allein genügt als Kriterium hingegen nicht. Es kommt sehr auf die Situation an.

    Im Klartext: Es gibt keine harten Kriterien? Sie können nach eigenem Ermessen Protestler in Vorbeugehaft nehmen?

    Im Prinzip – ja. Wir müssen natürlich von Situation zu Situation neu entscheiden. Ich kann natürlich auch nicht nach Belieben Leute vor dem Bella Center einsammeln. Ich muss erst feststellen, um was es ihnen geht, und in welcher Situation wir uns befinden.

    Haben Sie bei der Kopenhagener Polizei die Kapazitäten für Massenverhaftungen?

    Ja, klar. Wir haben eine Halle eingerichtet, um festgenommene Personen zu verwahren. Es gibt hier Platz für 370 Menschen – und daneben noch die Polizeistationen und einige andere Orte und Räume in der Stadt. Wir hoffen natürlich, dass wir sie nicht benötigen werden.

    Verschiedene Organisationen haben sich im Vorfeld beschwert, dass die Aufbewahrung von Klimaprotestlern in Massenkäfigen unangemessen sei.

    Was soll ich sagen? Es ist kein Hotel. Man ist mit vielen anderen Leuten zusammen eingesperrt. Man muss natürlich auch dran denken: Wenn man eingesperrt wird, kann man auch selbst daran Schuld sein. Es ist nicht grausam, es ist kein Gefängnis. Es ist beheizt, man kann etwas essen und natürlich auch auf die Toilette gehen, man ist unter Menschen. Und 30 Polizeibeamte und ein Doktor sind 24 Stunden am Tag da, um sich um die Inhaftierten zu kümmern. Die Sicherheit der Menschen liegt uns am Herzen. Es ist kein Gefängnis, aber auch kein angenehmer Ort.

    Viel Platz für Vorbeugehaft – das Polizeipräsidium Kopenhagen

    Wieviele Polizisten können Sie am kommenden Samstag einsetzen?

    Tut mir leid, darüber darf ich keine Auskunft geben.

    Finden Sie eigentlich, die Klimaprotestler setzen sich für eine gute Sache ein?

    Ich sollte eigentlich nicht drüber sprechen. Aber: Wir Polizisten sind auch nur Menschen. Ja, ich trage eine Uniform, und soll für Recht und Ordnung sorgen. Dennoch: Viele von uns denken, dass es gut ist, dass die Menschen demonstrieren. Es ist wichtig, dass sie dieses Recht haben. Aber: friedlich.

    Wie stehen Sie zum Klimawandel?

    Ich glaube, das er kommt und zwar sehr schnell. Da muss etwas geschehen. Kopenhagen tut sehr viel für die Umwelt, darauf bin ich stolz. Auch bei der Polizei tun wir etwas gegen den Klimawandel: Wir sparen Strom und Wasser.

  • Das Bingospiel von Kopenhagen

    Nicht nur Regierungsvertreter, Journalisten und Umweltschützer tummeln sich auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen, sondern auch Tausende Wirtschaftslobbyisten. Artikel bei Freitag.de vom 11. Dezember 2009 von Toralf Staud und Lars Dittmer

    Als „wichtigste Konferenz seit dem zweiten Weltkrieg“ hat der britische Regierungsberater Sir Nicholas Stern den UN-Klimagipfel in Kopenhagen bezeichnet. Mark Grundy nennt ihn „die weltgrößte Gelegenheit fürs Klimamarketing in den nächsten vier Jahren – mindestens“. Grundy ist PR-Berater bei der weltweit agierenden Agentur Edelman, und bereits im Oktober 2008 riet er seinen Kunden, in Kopenhagen präsent zu sein, um im „grünen Image-Krieg“ zu punkten.

    Illuminierte Weltkugel auf dem Rathausplatz in Kopenhagen (Alle Fotos: Lars Dittmer)

    Nicht nur Delegierte von 192 Regierungen tummeln sich deshalb seit Montag in der dänischen Hauptstadt, sondern auch Tausende Journalisten, Umweltschützer – und Wirtschaftslobbyisten. Ihre Zahl hat sich seit dem Klimagipfel von Kyoto 1997 etwa verdreifacht. Am Freitag gab es in Kopenhagen einen eigenen „Business Day“ mit Diskussionsveranstaltungen und Firmenpräsentationen. Einige Unternehmen dürfen sich sogar „Sponsor“ des Gipfels nennen: BMW, Mercedes und Volvo beispielsweise chauffieren Delegierte – und haben dafür Fahrzeuge mit untypisch niedrigem CO2-Ausstoß nach Kopenhagen gebracht. Auch die PR-Agentur Hill&Knowlton nutzt die Gelegenheit zur Imageverbesserung – Kritiker hatten dem US-Unternehmen in der Vergangenheit unter anderem vorgehalten, dass es im Auftrag der Tabakindustrie Zweifel an der Gesundheitsgefährdung durch Rauchen gesät oder für Kohlefirmen Stimmung gegen strenger Klimaauflagen gemacht habe.

    Längst besitzen Unternehmensvertreter auf Klimagipfeln einen eigenen Status: BINGOs werden sie im Diplomatenjargon genannt, das ist das Kürzel für Business and Industry Non-Governmental Organizations. Die Delegationen etwa der Internationalen Handelskammer ICC oder der Internationalen Emissionshandels-Vereinigung sind inzwischen größer als die vieler Staaten Früher ging es den Lobbyisten etwa von Erdöl- oder Kohlefirmen darum, strenge Umweltauflagen zu verhindern – auch in Kopenhagen versuchen dies noch die Vertreter der Luftfahrtindustrie, die bisher von Emissionsgrenzen generell ausgenommen ist. Doch seit einigen Jahren gibt es immer mehr Unternehmen, die mit Klimaschutz gutes Geld verdienen. In Kopenhagen ist nun auch der Europäische Windkraftverband präsent. „Wir alle spüren: Das ist eine Konferenz, die uns bewegt“, bekannte kürzlich der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel. „Die Wirtschaft engagiert sich in großem Maßstab und versucht, das Gipfelergebnis zu beeinflussen“, sagt Olivier Hödemann vom lobby-kritischen Verband Corporate Europe Observatory.

    Im Kopenhagener Bella Center, wo der Gipfel tagt, gibt es für die BINGOs einen eigenen Bereich mit Besprechungskabinen. Jeden Morgen, Punkt 9 Uhr, tauschen sich die Industrielobbyisten aus, was am Vortag passierte und für die nächsten Stunden zu erwarten ist. Bei den Verhandlungen selbst haben sie nur Beobachterstatus, deshalb versuchen sie vor allem am Rande des offiziellen Programms in privaten Gesprächen oder sogenannten „Side Events“ auf sich und ihre Ziele aufmerksam zu machen. Für die breite Öffentlichkeit gibt es glamouröse Auftritten beispielsweise auf dem Rathausplatz von Kopenhagen. Dort findet „Hopenhagen LIVE“ statt, eine Art Weihnachtskirmes von Umweltfirmen – oder jenen, die sich dafür halten.

    Wenn es dunkel wird am späten Nachmittag, dann leuchtet dort eine riesige Erdkugel auf – unter anderem mit dem Logo des Energieriesen Vattenfall. In einem Ausstellungswagen präsentiert der schwedische Konzern Arbeiten junger Nachwuchsdesigner. „Vattenfall hat mir die künstlerische Freiheit gegeben, die ich für mein Projekt benötigte“, sagt Ejvind Chang, einer von ihnen, in Journalistenmikrofone. Dass der Konzern in der Ex-DDR alte Braunkohlekraftwerke weiterbetreibt und nach Greenpeace-Berechnungen mit fast 900 Gramm CO2-Ausstoß pro erzeugter Kilowattstunde Strom „Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter“ ist – davon hat der junge Designer nie gehört.

    "Hope-Not"-enhagen.

    Die Filme der Designstudenten verarbeiten Begriffe aus dem Bereich Klimaschutz – in einem greift etwa ein „Klimasuperheld“ immer dann ein, wenn Glühbirnen zu lange brennen. „Unser Konzern möchte Leute auf eine spaßorientierte und kreative Weise zum Klimaschutz bewegen“, sagt Sprecherin Andrine Nordby. In einer Ecke können Besucher auf einem Computermonitor den Wasserstand in verschiedenen Küstenstädten um eine beliebige Anzahl von Metern steigen lassen. Die Simulation zeigt exakt, welche Straßen überschwemmt werden. „Man kann gucken, ob man überlebt“, scherzt Nordby. Dabei hängt es gerade auch von Vattenfall ab, wie lange dreckige Kohlekraftwerke den Klimawandel anheizen und wie viele Opfer die Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten fordern wird.

    Auf dem Screen kann man sehen, wer überlebt in Kopenhagen.
  • Als Brad Pitt gegen den Klimawandel

    Wer schon immer den Wunsch hatte, sich als Brad Pitt im Kampf gegen den Klimawandel zu engagieren, kann dies auf dem Kongens Nytorf, den neuen Markt in Kopenhagen derzeit tun. Abseits des „Hopenhagen“-Jahrhmarkts castet und kostümiert eine Künstlergruppe Passanten für das Filmprojekt „Brad Pitt is saving Planet Earth in Copenhagen“. Während der UN-Verhandlungen wird jeden Tag eine neue Episode abgedreht. Artikel bei Klimaretter.info vom 10. Dezember 2009

    Fightclub in Grün: Brad Pitt kämpft gegen den Klimawandel (Foto: Lars Dittmer)

    „Wir wollen das Recht demokratisieren, Brad Pitt zu sein“, erklärt Projektleiter Christian Lollike. In dem Kurzstreifen dreht Brad Pitt einen Katastrophenfilm, der die Menschen zu einem Ändern ihrer Lebensgewohnheiten bewegen möchte. Mit wenig Erfolg: kaum jemand schert sich um Pitts Ökoerziehung, was ihn zunehmend wahnsinnig macht.

    Warum Brad Pitt? Der Schauspieler sei einer der bekanntesten Stars Hollywoods und sei bekannt für sein ökologisches Engagement, sagt Lollike. Bisher laufe das Projekt sehr gut: “In zwei Tagen haben wir 65 Brad Pitts gecastet.” Entstanden ist das vom dänischen Kunst bezuschusste Projekt als Zusammenarbeit verschiedener Theaterleute aus Kopenhagen. Der Leidensweg Brad Pitts wird online veröffentlich, sobald das Projekt abgeschlossen ist.

  • In 481 Tagen um die Welt

    Warum sollte man mit dem Fahrrad von Australien nach Kopenhagen fahren? „Weil’s klimafreundlich ist.“ Und wer um Himmels Willen sollte das tun? Kim Paul Nguyen zum Beispiel. Der Sozialarbeiter aus Canberra wollte unbedingt in Kopenhagen dabei sein – allerdings nur, wenn er sich dafür keine zusätzliche Klimaschuld auflädt. „Und da ist das Fahrrad halt einfach das naheliegendste Reisemittel“, sagt Nguyen. Porträt bei Klimaretter.info vom 8. Dezember 2009 von Lars Dittmer

    Ja mir san mim Radl da – Kim Paul Nguyen in Kopenhagen (Foto: Lars Dittmer)

    Einmal Canberra – Kopenhagen und zurück verursacht mit dem Flugzeug etwa zwölf Tonnen Kohlendioxid – so viel wie zwölf Inder in einem ganzen Jahr produzieren. Und immer noch mehr, als ein Durchschnittsdeutscher pro Jahr verursacht.

    „Wo ich auch hinkam, der Klimawandel war schon da“

    Losgeradelt ist der Australier im August 2008. 90 Tage brauchte er durch seine Heimat. Am Tag 133 erreichte Nguyen Westtimor, Indonesien. Am Tag 207 traf er in Luang Prabang, Nordlaos, ein. Einhundert Tage später erreichte der 28-Jährige Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. Als Kim Paul Nguyen in Georgien ankam, saß er bereits seit einem Jahr im Sattel. Am 406. Tag – Ankunft auf europäischem Boden, in Istanbul. Mitte November, am 466. Tag seiner Reise, rollte Nguyen in Berlin ein. „Der Himmel ist trist und grau, wie schon die ganze Zeit seit Serbien“, schrieb er an jenem Tag in den Blog, wo alle seine Stationen nachlesbar sind.

    Ist es nicht einsam, all die Tage, Wochen, Monate auf dem Sattel? „Überhaupt nicht“, sagt Nguyen. Natürlich habe er zwischendurch Ruhetage eingelegt, und da lernte er überall auf der Welt interessante Menschen kennen. Und dann hatte er ja dazu aufgerufen, sich seinem „Ride Planet Earth“ anzuschließen. Mit erstaunlichem Erfolg: „Bei unserer Ankunft in Kopenhagen waren wir um die 60 Leute.“

    Durchschnittlich schaffte Nguyen 60 Kilometern pro Tag. Längere Pausen gab es zwischenzeitig auch mal, so musste Kim seine Reisekasse durch Arbeit aufbessern. „Meine Ersparnisse deckten etwa 80 Prozent meines Bedarfs, reichten aber nicht für die ganze Tour.“ Und freilich blieb die Tour de Earth auch nicht blessurenfrei – aufgeplatzte Lippen waren noch das Harmloseste. „In Australien und Osttimor kollabierte ich, einmal schlug ich mit dem Gesicht auf der Straße auf. Ach, und in Indonesien bekam ich Typhus.“ Dennoch bereue er keine Sekunde: „Diese Tour war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe.“

    Vor allem weil er gesehen hat, wie spät es bereits ist: „Wo ich auch hinkam: Der Klimawandel war schon da“, berichtet Kim. „Wir haben Videos mit Nachrichten all der Menschen zusammengestellt, die schon heute mit der Erderwärmung konfrontiert sind.“ Diese Dokumente will Kim der australischen Delegation in Kopenhagen übergeben – sein Land gehört beim Klimaschutz eher zu den Bremsern.

    Allerdings: Ganz ohne Flugzeug ging es auch bei Kim Paul Nguyen nicht. „Größere Wasserflächen habe ich zwar immer versucht, mit der Fähre zu passieren. Von Australien nach Ostttimor aber gibt es gar keine mehr. Da blieb dann nur das Flugzeug.“

  • Ruhe vor dem Sturm

    In Kopenhagen trifft sich auch die weltweite Klimabewegung. Für kommenden Samstag ist eine Großdemo angemeldet. Noch sind die Proteste eher verschlafen. Artikel bei Freitag.de am 8. Dezember 2009 von Susanne Götze und Lars Dittmer

    Fast einen Kilometer lang waren am Montag vor dem offiziellen Klimagipfel die Warteschlangen am Einlass – der Alternativgipfel dagegen ist offen für jedermann. „Wir machen einen Gipfel für alle Menschen und über die wirklichen Probleme“, erklärt Nnimmo Bassey, Umweltschützer von Friends of the Earth aus Nigeria auf der Eröffnungszeremonie am Montagabend.

    Taugen nix – die australischen Klimaziele. Mithra Cox mit Känguruh. (Foto: Lars Dittmer)

    Doch die Protestszene kommt nur langsam in die Spur. Einzelne kleinere Aktionen vor dem Eingang des Bella Centers gab es am Montag: Der deutsche BUND stellte eine Meerjungfrau aus Eis auf, die langsam vor sich hinschmolz. So genannte „Klimaschuldagenten“ mit dunklen Sonnenbrillen und coolen rot-schwarzen Anzügen fordern in Sprechchören, die Industriestaaten müssten viel mehr Geld an die armen Länder zahlen zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels. Mit einem aufblasbaren Plastik-Känguru sitzt die junge Australierin Mithra Cox vor dem Kongresszentrum und kritisiert laut rufend das offizielle Gipfelangebot ihrer Regierung: „Komm schon Australien! Fünf Prozent Emissionsminderung, das ist ein Witz!“ Nein, sie sei für keine Organisation hier – sondern im Urlaub.

    Auftritt Naomi Klein

    Davon abgesehen herrscht bei den Protestierern an den ersten beiden Tagen noch die sprichwörtliche Ruhe vor dem angekündigten Gipfelsturm. Zur Eröffnung am Montagabend macht der Gegengipfel „Klimaforum09“ noch einen verschlafenen Eindruck. Mit gut 400 Leuten ist der große Saal des alternativen Kongresszentrums „DGI Byte“ neben dem Kopenhagener Hauptbahnhof nicht übermäßig voll. Eine Band mit etwas fahrigem Free Jazz spielt zu Beginn – bis die heiß erwartete kanadische Autorin Naomi Klein („No Logo“, „The Shock Doctrine“) zu Wort kommt, erinnert die Veranstaltung eher an ein spirituelles Event.

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    Die Ikone der globalisierungskritischen Bewegung, macht gleich von vornherein klar: Sie habe nicht viel Ahnung vom Klima, aber was sie interessiere sei die Klimagerechtigkeit. Sie kritisiert den Kapitalismus, der den Klimawandel verursacht habe – und es sei doch absurd, so Klein, die Krise mit denselben Mitteln aufhalten zu wollen. Das richtet sich vor allem gegen den weltweiten Handel mit Emissionsrechten, der als Teil des Kyoto-Protokolls gestartet wurde und in den nächsten Jahren weltweit ausgedehnt werden soll. Viele Umweltschützer kritisieren, dieses Handelssystem nütze vor allem den Großkonzernen und Banken – und die Industrieländer kämen dadurch in die Versuchung, den Umbau zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft noch länger aufzuschieben. Der Kapitalismus sei in der Krise und deshalb seien auch die vermeintlichen Lösungen des "Bella Centers" - dabei weist die Professorin in die imaginäre Richtung des offiziellen UN-Gipfeltreffens – in Frage zu stellen. Die versammelten Aktivisten pfeifen und trampeln – nun scheint doch etwas Kampfesgeist aufzukommen. Das Programm des Alternativgipfels Das brauchen sie auch bei dem ambitionierten Programm, was sich die Bewegung in den nächsten zwei Wochen vorgenommen hat. Der Alternativgipfel ist vollgestopft mit Sitzungen und Seminaren - vom gemeinsamen Meditieren am Morgen über Workshops zum Aufbau von freien Radios bis zu Debatten über den politischen Weg Boliviens ist für jeden etwas dabei. Jeden Abend gibt es Filme, Theaterstücke, Konzerte. Für kommenden Sonnabend werden aus ganz Europa Zehntausende Demonstranten in der dänischen Hauptstadt erwartet. Und irgendwann bis zum Ende des offiziellen Gipfel am 18. Dezember, so ist in Kopenhagen zu hören, werde man auch mal den offiziellen Gipfel im Bella Center stürmen und "die Türen der Klimaelite aufstoßen". Die Politik etwa von US-Präsident Obama sei bloß "Hoffnungsmarketing", sagt Naomi Klein verächtlich. "Im Bella Center findet eine Konferenz statt, die die Welt retten soll - und schon von vornherein zum Scheitern verurteilt wurde." Was auf den Tischen der Delegierten liege, sei nicht einmal annähernd ausreichend, um den Klimawandel aufzuhalten. Doch das sehen viele Teilnehmer des offiziellen Gipfels genauso. Auch im Bella Center fordern etliche der Beobachter und Delegierten, dass sich die Regierungsdelegationen noch ein ganzes Stück bewegen müssen.