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  • Der Anfang vom Lied

    Wunder mit Methode: Warum Schweden unentwegt erfolgreiche Popmusiker hervorbringt. „Der schwedische Staat macht es einem unheimlich leicht, Künstler zu sein,“ sagt Nina Persson, Sängerin der Cardigans. Artikel im Tagesspiegel vom 8. April 2010 von Lars Dittmer

    Ein Klangteppich aus Gitarrengeschrammel und Keyboardsounds durchzieht die Konzerthalle des Berliner Astra-Clubs. Auch das letzte Paar Chucks hüpft jetzt auf und ab. Auslöser der Begeisterung ist die fünfköpfige Indiekapelle Shout Out Louds, die ganz unglamourös in T-Shirts und Jeans auftritt. Denn den Stockholmern geht es nur um die Musik. Und die ist, wie schon der Titel ihres neuen Album „Work“ (Universal) andeutet, solide Handwerksarbeit – nicht spektakulär, aber einfach gut: verspielte, präzise Gitarrenriffs, die an The Cure erinnern, eingängige Melodien, Mitstampfrhythmen,dazu die verhallte und leicht melancholische Stimme von Sänger Adam Olenius.

    Vor der Show im Biergarten des Clubs zeigen sich Olenius und Bassist Ted Malmros optimistisch. Die Konzerte in Hamburg und Berlin seien schnell ausverkauft gewesen, berichten sie. „Sogar in Rostock war die Halle gut gefüllt – die Stadt kannten wir vorher nicht mal“, sagt Malmros. Nicht nur die Shout Out Louds sind derzeit auf der Überholspur. Gerade hat das aufstrebende Folkduo First Aid Kit sein Berliner Publikum verzückt. Auch sie kommen aus Schweden und stehen für die unglaubliche Poptradition des skandinavischen Landes, die in schöner Regelmäßigkeit internationale Hits hervorbringt.

    Vor allem im Indierock und im Electropop ist Schweden heute gut aufgestellt, mit etablierten Bands wie den Cardigans, Mando Diao, Peter Björn and John und The Knife, aber auch einer steten Zufuhr an jungen Musikern wie etwa Lykke Li. Grund dafür ist eine Mischung aus protestantischer Arbeitsmoral, Gemeinschaftsgefühl, einer fast kostenfreien Musikerziehung und gutem Englisch. Und nicht zuletzt: die Gabe, Trends schnell zu erkennen und zu besetzen.

    Erfolgreiche Bands aus Schweden sind nichts Neues: Bis heute verkauften Abba 370 Millionen Alben und reihen sich damit gleich hinter den Beatles ein. In den Neunzigern brachte Schweden Musiker wie Ace of Base, Roxette und Robyn hervor. Letztere startete ihre Karriere vor drei Jahren mit einem tollen Album neu, was ihr einen Platz im Vorprogramm der letzten Madonna-Tour einbrachte. Manchmal sind auch Schweden drin, wo USA draufstehen: Songwriter und Produzenten wie Anders Bagge und Rami Yacoub arbeiten für Pink und Britney Spears.

    Nina Persson auf dem Stockholm Pride Festival 2009. (Bild: Nyman/Wikipedia)
    Nina Persson auf dem Stockholm Pride Festival 2009. (Bild: Nyman/Wikipedia)

    „Als die Cardigans in den frühen Neunzigern anfingen, war die schwedische Musikindustrie bereits international vernetzt“, erzählt Nina Persson, Sängerin der Cardigans, am Telefon. Sie lebt heute in New York, ist mit dem US-Musiker Nathan Larson verheiratet, und parliert, wie so viele ihrer Landsleute, fließend in Englisch. Mehr als 80 Prozent der Schweden beherrschen die Sprache, Kinder lernen sie von früh auf, und englischsprachige Filme werden im TV nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln gezeigt.

    „Der schwedische Staat macht es einem unheimlich leicht, Künstler zu sein,“ sagt Persson. In den Nachkriegsjahren wurde ein Netz von kommunalen Musik- und Kunstschulen eingerichtet, um Kindern und Jugendlichen eine kostenfreie Musikerziehung zu ermöglichen. Von den 290 Kommunen des Landes besitzen 278 eine solche Einrichtung. „Die Beteiligung aller Klassen am kulturellen Leben war parteiübergreifender Konsens und Teil des Sozialstaatsgedankens“, sagt Bo Tobiasson, Professor an der königlichen Musikhochschule in Stockholm. Insbesondere in den Siebzigern und Achtzigern entstand in der Provinz eine Garagenbandkultur, die auch kommerziell erfolgreiche Bands hervorbrachte – fast alle Mitglieder der Cardigans lernten in diesen Schulen klampfen und trommeln.

    Hinzu kommt die grundsätzliche Offenheit der Schweden für Moden. „Wenn es irgendwo auf der Welt einen Trend gibt, kann man sicher sein, dass eine schwedische Band ihn aufnimmt“, sagt Persson. Und Musik- und Modetrends verbreiten sich meist schnell unter den 9,1 Millionen Einwohnern. Die Schweden verstehen sich als eine Art große Familie, mit flachen Hierarchien, aber auch einer gewissen sozialen Kontrolle. „Wir sind nicht besonders individualistisch. Auffallen möchte hier keiner“, bekennt Ted Malmros von den Shout Out Louds.

    Erfolg dient in der Selbstwahrnehmung der Schweden nicht primär dem Ziel, reich zu werden, sondern der Gemeinschaft. „Gute Musik hilft dem ganzen Land. Wir sehen uns auch als kulturelle Botschafter“, sagt Shout-OutLouds-Sänger Olenius. Für so viel Patriotismus revanchiert sich der Staat. Denn trotz Sparzwang greift er seinen Musikern nach wie vor mit Stipendien unter die Arme: Rund 11,5 Millionen schwedische Kronen, etwa 1,2 Millionen Euro, verteilt er jährlich unter mehr als 140 Bands, über 20 Millionen Euro gibt es für regionale Musikorganisationen. Zum Vergleich: Mit etwa zwei Millionen Euro fördert Deutschland über die „Initiative Musik“ Künstler und Musikunternehmen.

    Im Jahr 1993 wurde der Branchenverband Export Music Sweden (ExMS) gegründet, der die schwedische Musik in alle Welt tragen soll. Jedoch: Reich sind auch in Schweden die wenigsten Musiker. Etwa zwei Milliarden Kronen, 205 Millionen Euro, nahm das Land im Jahr 2006 durch Musikexporte und Lizenzgebühren ein – ein kleiner Teil des Wirtschaftkuchens. Dennoch zählt ExMS-Chef Anders Hjelmtorp Schweden zu den größten Musikexporteuren der Welt: „Wir dürften auf Nummer 5 oder 6 liegen und verkaufen von Jahr zu Jahr mehr.“ Den nackten Zahlen nach haben Länder wie Deutschland und Kanada bislang die Nase vorn. Dieser Vorsprung könnte jedoch enger werden – dank der Schwedenrezeptur und dem Ethos, dem auch die Shout Out Louds ihr neues Album widmen: Work.

  • Seltsame Alltagsutensilien im Museum der Dinge

    Vor einigen Objekten fragt sich der Besucher amüsiert, wozu sie dienen und wer sich die Mühe gemacht hat, sie zu erfinden. Zwanzig Jahre streifte Designer Tim Brauns weltweit über Flohmärkte und akquirierte eine Vielzahl teils kurioser Utensilien. Artikel im Tagesspiegel vom 7. April 2010 von Lars Dittmer

    Nützlich, nützlich – Werbung für "außerordentlich praktisches Tischgeräth" von 1901 (Wikipedia)

    Ein „Eierschalensollbruchstellenverursacher“ ist eine Vorrichtung von der Größe eines Korkenziehers, die in nur einem Schritt das Morgen-Ei löffelfertig köpft. Das Gerät umschließt die Spitze des Eis, dann saust ein Gewicht herab und zerteilt das Ei. Der Apparat mit dem ungelenken Namen gehört zu den Kostbarkeiten, die Tim Brauns in der Ausstellung „Funktionsprinzipien der Dinge“ im Werkbundarchiv, dem Kreuzberger Museum der Dinge, ausbreitet. Zwanzig Jahre streifte der Designer weltweit über Flohmärkte und akquirierte eine Vielzahl teils kurioser Utensilien.

    Vor einigen Objekten fragt sich der Besucher amüsiert, wozu sie dienen und wer sich die Mühe gemacht hat, sie zu erfinden. „Dinge sind wie Knoten in Taschentüchern, sie erinnern mich an etwas und erzählen eine Geschichte“, sagt Brauns, der sich selbst als „dingbezogene“ Person bezeichnet. Während seiner Beutezüge war ihm aufgefallen, wie unterschiedlich funktionsgleiche Dinge sein können. Die 120 Exponate sind nach Funktionsweisen gehängt, je nachdem ob sie schneiden, öffnen, ordnen. Dadurch rücken Material, Herkunft und Verarbeitung in den Fokus. Über diese, so Tim Brauns, lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion. „Die Sprache der Flohmärkte“, nennt er das.

    „Ein Korkenzieher aus dreißig verschiedenen gusseisernen Teilen verrät, dass damals andere Stundenlöhne galten,“ sagt Brauns. Majestätisch wirkt neben dem schlichten Gerät der „Charles de Gaulle“, ein roter Plastiköffner, der triumphierend die „Arme“ hebt. Brauns’ Diagnose: „Der stammt aus einer Zeit, in der ein neuer Kunststoff seine Verwendung gesucht hat.“ Dominant in der Ausstellung sind Bügelhalter in allen Variationen: von sozialistischer Holzklasse bis zu barocker Opulenz. Weniger durchgesetzt im Alltagsgebrauch haben sich Bulettenwender, Sardinendosen- und Einweckglasöffner. Doch nicht nur in der aktuellen Ausstellung findet sich manch rares Stück. Im Museum der Dinge trifft Nützliches auf Fetische, Schönes auf Hässliches, Geschmackvolles auf Kitsch. Der Museumsbesuch lohnt nicht nur für dingbezogene Menschen. Museum der Dinge, Oranienstraße 25, bis 26. April, Fr. bis Mo. 12–19 Uhr

  • Gabe an die Götter

    Die Männer gehen mit langen Holzstöcken aufeinander los, splitterfasernackt, umringt von ihren Stämmen, die sie anfeuern. „Als die Stöcke durch die Luft sausten, hatte ich kurz Angst“, sagt die Turiner Fotografin Giorgia Fiorio. Die Kämpfe auf dem „Donga-Fest“ des äthiopischen Surma-Volkes sind eine Mischung aus Erntedank-Ritual und kampfsportlicher Männlichkeitsbezeugung. Zu Todesfällen kommt es bei dem Ritual üblicherweise nicht, aber das Blutvergießen der Krieger stellt eine Opfergabe dar. Artikel im Tagesspiegel vom 25. April 2010 von Lars Dittmer

    Geben und Nehmen – das ist eine Konstante der menschlichen Spiritualität, wie Giorgia Fiorio in ihrer Fotoausstellung „Ritus – Die Gabe“ zeigt, die derzeit in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist. Menschen bieten ihren Gottheiten etwas an, und erhoffen sich dafür etwas.

    Reinigend. Voodoo-Fest in den Aguas Blancas-Fällen auf Haiti. Foto: Fiorio/Agentur Focus

    Ihre selbst finanzierten Reisen führten Giorgia Fiorio neun Jahre lang in 38 Länder, sie fotografierte Mönche in polnischen Klöstern, rotierende Derwische in der Türkei, Voodoo-Zeremonien in Haiti, Tempelanlagen in Südostasien. „Überall dreht es sich um Geburt, Fruchtbarkeit, das Leben, das Sterben“, sagt die 42-Jährige. Ihre szenischen, großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen aber nicht nur uralte Rituale, sondern auch Zeremonien, wie sie Buchreligionen wie Islam und Christentum vorsehen. Auf einem dramatischen Hochformat sieht man etwa die Passionsspiele auf den Philippinen. Ein Katholik lässt sich während der Karwoche kreuzigen. „Manche verlangen sogar danach, mit Nägeln befestigt zu werden“, sagt Fiorio. Die Gläubigen kasteien sich, um von ihren Sünden gereinigt zu werden.

    Nicht alle Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, waren sofort damit einverstanden, während der religiösen Zeremonie fotografiert zu werden. „Oft erhielten wir nach Monaten der Reise zunächst einmal eine Abfuhr“, berichtet Fiorio. Doch mit viel Geduld überzeugte sie die Menschen. Auffällig ist die Abwesenheit von Frauen auf den Fotos. Lässt sich Fiorios Ausstellung also als Kritik an der Wiederkehr einer konservativen Religiosität lesen? Giorgia Fiorio verneint. „Meine Fotos haben keine politische Intention. Außerdem ist die Frau in den meisten Ritualen privilegiert. Schließlich ist sie es, die angebetet wird.“ Lars Dittmer

    Auguststr. 5a, bis 2. 5., tgl. 11 – 20 Uhr.

  • Schläfer, Schnarcher, Süchtige

    Rhythmisches Atmen aus allen Ecken, hie und da ein Säuseln, schmatzende Laute sich im Bette drehender Menschen. Wer einmal in Mehrbettzimmern großer Jugendherbergen genächtigt hat, kennt diese Geräuschkulisse. Der dänische Klangkünstler und Wahlberliner Jacob Kirkegaard hat die nächtlichen Laute von Freunden und Bekannten aufgezeichnet und zu einer Klangcollage unter dem Namen „House of Mare“ zusammengestellt. Sie wurde letzte Woche im „Hotel Marienbad“, einem Projekt der Kunstwerke in der Auguststraße in Berlin Mitte, für nur einen Abend präsentiert. Artikel im Tagesspiegel vom 23. März 2010 von Lars Dittmer

    "A Dream of Crime & Punishment", Engraving by J.J. Grandville (Jean Ignace Isidore Gérard) as published in "Harper's Magazine" in the USA in the 19th century

    Die Besucher standen verdutzt vor einem großen Bett, über dem ein morbider Pferdekopf und 16 Lautsprecher hingen, aus denen die Schlafgeräusche ertönten. „Im Gegensatz zur Kontrolliertheit unserer Alltagssprache wollte ich das Unterbewusste und Unintentionale verarbeiten,“ sagt der Soundkünstler. Die „Schläfer“ wurden abends nur mit einer Flasche Champagner ausgestattet, durften noch unter die Dusche springen und wurden dann ihren Träumen überlassen.

    In der Marienbad-Reihe der Kunstwerke werden Künstler eingeladen, eine Nacht in dem von der Gruppe „Fort“ eingerichteten Hotelzimmer zu verbringen. Hier können sich die Kreativen Projekte einfallen lassen, die sich an den Schnittstellen von Öffentlichkeit und Privatheit abarbeiten – dem Ambiente eines Hotels.

    Diesen Freiraum nutzten auch die anderen Schlafgäste, und so sind in zwei Jahren Marienbad die unterschiedlichsten Vorhaben umgesetzt worden. Das Frankfurter Ehepaar Rausch präsentierte Bilder aus seiner Sammlung. Später verschönerte Wolfgang Breuer die Suite mit einbruchssicheren Fenstern, eine Anspielung auf die Immobilienblase in den Vereinigten Staaten.

    Mit einer bizarren Aktion schließt die Marienbad-Reihe nun vorerst die Hotelpforten: Einen Drogenentzug will das Künstlerduett Benjamin Blanke und Claudia Knapp unter dem Motto „Cold Turkey – an Invitation“ in die Hotelsuite verlagern und künstlerisch begleiten. „Der Entzug selbst wird komplett von ärztlichem Personal durchgeführt“, sagt Claudia Knapp. „Uns interessiert dabei die Grauzone zwischen Spektakel und Tabuisierung, in der sich Drogenabhängigkeit gesellschaftlich befindet.“

    Das Angebot des kostenfreien Entzugs kursiert seit drei Wochen in Onlineforen und hat bereits das Interesse von 80 Personen nach sich gezogen, Künstlern und anderen Abhängigen. Unter ihnen auch ein Drogensüchtiger aus Singapur, dem in seinem Heimatland drakonische Strafen wegen seiner Abhängigkeit drohen. Der Entzug verläuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der künstlerische Effekt ist aufseiten des Publikums bloß imaginiert, Spektakel ohne Spektakel. Das Ende der Aktion ist bislang noch offen und in welcher Form sich dann die Therapierten zu Wort melden, bleibt ihnen überlassen.

    Das Projekt stellt einen letzten Schritt in einer künstlerischen Entwicklung dar, die den Menschen selbst zum Kunstobjekt erklärt. So siedelte Joachim Gerz unter dem Titel „2-3 Straßen“ 78 Menschen in drei Problemvierteln des Ruhrpotts an und ließ sie einen gemeinsamen Text schreiben. Zur Inszenierung des Todes ist es bislang noch nicht gekommen – trotz einer Ankündigung Gregor Schneiders, der vor zwei Jahren einen Verstorbenen in einem Museum ausstellen wollte. Dazu kam es nicht.

  • Berliner Fotoausstellungen zelebrieren die Kunst des Stilllebens

    Früchte, Blumen, tote Tiere. Die Fotos leben, spielen mit den Symbolen der Vanitas – die kaum noch jemand versteht// Vera Mercer macht Stillleben. Ja, es geht irgendwie um das Leben, das wird sofort klar. Von „still“ kann allerdings keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Man wird in Mercers Ausstellung in der Kommunalen Galerie Berlin Zeuge eines Kampfes zwischen Aufblühen und Verdorren, Leben und Tod. Die Fotografien der 73-jährigen Wahlamerikanerin entsprechen bis in die Motive hinein den symbolgeladenen barocken Stillleben – Früchte, zerlegte Tiere, Blumen. Auch in den Arbeiten anderer zeitgenössischer Fotografen wird zurzeit mit klassischer Bildsprache inszeniert. Ist das Stillleben ein neuer Trend in der Fotografie? Artikel im Tagesspiegel vom 16. März 2010 von Lars Dittmer

    Auf einem Foto von Vera Mercer begegnet man einem toten Hahn, er hat den bunt gefiederten Kopf auf seine Krallen gelegt, neben einem schimmelnden Käse. Grüne, saftige Blätter ragen in das Memento-mori-Ensemble hinein, als wollten sie Platz schaffen für neues Leben. Das Junge, Frische trifft hier auf das Verwelkende, Tote – und löst es ab.

    Einst sollten Stillleben den Menschen Moral beibringen. – Foto: Vera Mercer

    „Vanitas“, Vergänglichkeit, ist eins der ersten Worte, die Kurator Matthias Harder bei der Vernissage benutzt. Auch für Grusel ist gesorgt: Der geheime Star der Ausstellung ist das Bild eines abgetrennten Schweinekopfs mit herausgeschnittenen Augen, der mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf einer Platte serviert wird, gemeinsam mit einer Hyazinthe und einer feigenartigen Frucht. Wem fiele da nicht der Begriff „Dekadenz“ ein?

    „Der Schweinekopf hängt auch in meinem Restaurant in Omaha“, sagt Mercer, die im Berlin der dreißiger Jahre als Vera Merz geboren wurde und sich später einen Künstlernamen zulegte. Mit Daniel Spoerri war sie in den sechziger Jahren nach Paris gezogen und hatte Künstler wie Niki de Saint-Phalle und Jean Tinguely kennengelernt. Spoerri hatte später „Eat Art“, Esskunst, populär gemacht.

    Heute lebt Vera Mercer in Nebraska. „Am Anfang jedes meiner Bilder steht ein totes, essbares Tier“, sagt sie. Erst wenn sie das habe, mache sie sich Gedanken darüber, wie sie das Stillleben arrangiert. Viele klassische Stilllebensymboliken finden sich auf ihren Fotos wieder, Chiffren, die im 17. Jahrhundert zum erzieherischen Auftrag gehörten, dem sich die Künstler verpflichtet fühlten. Man wollte den Menschen Demut und Gottesfurcht durch eine Reihe von Bildsymbolen einimpfen. Abbrennende Kerzen etwa waren ein Zeichen für den Tod, Obst stand für den biblischen Sündenfall.

    Diese Symbolik liegt Vera Mercer fern. „Ich finde meine Bilder schön und denke nicht an Botschaften darin“, sagt sie. Auch mit dem Tod habe ihre Kunst wenig zu tun, sondern vielmehr mit „Essen, Form und Farbe“. Das war es schon? Bunte Fotos, postmoderne Deko, ohne tieferen Sinn? Fast mag man es nicht glauben angesichts der Genauigkeit, mit der die Künstlerin zitiert.

    Vielleicht wird man im Künstlerhotel Bogotá in der Nähe des Kurfürstendamms schlauer, in dem derzeit eine Ausstellung unter dem Titel „Flowers“ zu sehen ist, mit Blumenbildern von Mercer und anderen Künstlern. Seit dem 15. Jahrhundert ist auch das Blumenstillleben eine wiederkehrende Bildgattung, aufgeladen mit verschlüsselten Botschaften. Der Bildband „Flower Power“ von Matthias Harder, der die Ausstellung begleitet, präsentiert Blumenbilder von 32 zeitgenössischen Fotografen. Einen „Trend“ würde Harder trotzdem nicht in dem Motiv sehen. „Wenn man nach etwas sucht, begegnet es einem überall.“

    Dennoch finden sich in dem Band Referenzen zuhauf. Die Niederländerin Margriet Smulders oszilliert mit ihren klatschigen, teils bis zu zehn Meter breiten Blumenarrangements zwischen Impressionismus und flämischer Barockmalerei. Tendenzen zum klassischen Blumenstillleben finden sich bei Hans-Peter Feldmann und Luzia Simons; besonders ausgeprägt ist das Vanitas-Thema in den Langzeitbelichtungen von Michael Wesely, der die Evolution einer Blume ins Bild setzt.

    Doch knüpfen die Künstler hier tatsächlich an das barocke Sendungsbewusstsein an? Teils werden die Botschaften in Harders Buch verkehrt und dekonstruiert, teils steht das Dekorative im Vordergrund. „Mit den Bedeutungen von damals wird in erster Linie gespielt“, erklärt der Autor. Denn Anknüpfen ließe sich an die klassische Bildsprache nicht mehr: „Frühere Generationen konnten Stillleben lesen, heute ist das Wissen um ihre Symbolik verloren gegangen.“

    Vera Mercer bezeichnet ihre Kunst deshalb gerne als „altmodisch“ – wenngleich ihr Eklektizismus hochmodern ist. „Das Zitieren gibt den Künstlern von heute eine gewisse Sicherheit“, sagt Eva Bertram, selbst Fotografin und Dozentin an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin-Mitte. „Es bietet eine Orientierung in der medialen Bilderflut und ermöglicht den Künstlern, eigene Ideen in bereits für wertvoll befundene Genres einfließen zu lassen.“ Einen Trend stelle dies aber nur mit Vorbehalt dar, wenngleich die Zitattechnik „wellenförmig“ wiederkehre. Außerdem, ergänzt Matthias Harder, stehe heute eine unendliche Bandbreite von Genres zur Verfügung. Ein Paradies für Spurensucher.

    Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, bis 25. April, Di.–Fr. 11–17 Uhr, Mi. 11 –19 Uhr. Hotel Bogotá, Schlüterstraße 45, bis 27. April.

  • Pazifistische Farben

    Wie das historische Filmmaterial von „Der Krieg“ für die ARD nachträglich koloriert wurde// „Die Menschen waren früher auch nicht schwarz-weiß. Ich gebe ihnen also ihre Farbe lediglich zurück“, sagte François Montpellier kürzlich der französischen Zeitung „L’Express“. 13 Monate hat sich der französische Videospezialist in seinem Studio eingeschlossen, um dem historischen Filmmaterial für den ARD-Dreiteiler „Der Krieg“, dessen letzte Folge am Montag in der ARD ausgestrahlt wird, eine Farbkur zu verpassen. Nur zwei Studios weltweit kolorieren Produktionen dieser Größenordnung nach – neben Paris gibt es noch eines in San Diego. Artikel im Tagesspiegel vom 14. März 2010 von Lars Dittmer

    Mit der Präzision heutiger High-Definition-Produktionen haben die gedeckten, erdigen Töne der Nachfärbung allerdings nicht mehr viel zu tun. „Anders ließe sich das sensible Schwarz-Weiß-Material nicht kolorieren, es ist einfach zu dunkel“, sagt Alexander von Sallwitz vom NDR. So orientierte sich Montpellier an einem Farbklima, wie es in Filmen zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges zu finden war. Rund fünf Prozent aller Filme wurden damals in Farbe gedreht, auch Aufnahmen von Hitler auf dem Obersalzberg – ohne Ton, doch für damalige Verhältnisse auf dem neuesten Stand der Technik.

    Der Prozess der Nachkolorierung geschah komplett per Computer und szenenweise. Zunächst mussten Farbprofile erstellt werden – hier fließen die angesprochenen historischen Filme aus Kriegszeiten mit ein, aber auch Material aus einer früheren Zusammenarbeit Montpelliers mit dem Duo Clarke/Costelle in „Les Ailes des héros“ von 2004, das historische Flugaufnahmen beinhaltet. Geschichtlich wollte man so präzise wie möglich arbeiten. Es oblag dem Historiker Antoine Dauer, herauszufinden, welches Wetter herrschte, was enorm wichtig ist für die dargestellten Lichtverhältnisse. „Während der Schlacht von Dünkirchen im Juni 1940 war der Himmel von erdrückendem Frühlingsblau“, sagt Montpellier.

    Auch welche Uniformen von welcher Einheit getragen wurden, ob Waffen und Fahrzeuge eher dunkel, grün oder ockerfarben waren, musste bestimmt werden. Problematisch war es etwa, in verschiedenen Schlachten, die französische und die italienische Flagge auseinanderzuhalten, berichtet Montpellier. In Schwarz-Weiß sehen beide Trikolorfahnen fast identisch aus. Mit seinem Fundus an Vergleichsbildern erzeugt Montpellier durch einen Algorithmus Farbtöne, die per Computer den Schwarz- und Grautönen zugeteilt werden. Eine Wiese wird nicht einfach nur grün eingefärbt, sondern ergibt sich im Zusammenspiel von Braun- und Grüntönen. Durch ein spezielles Verfahren behalten die zugewiesenen Bereiche ihre Farbprofile. Ein Wehrmachtshelm bleibt so eine ganze Szene über hellgrau und muss nicht Bild für Bild nachgefärbt werden.

    Doch dasVerfahren hat seine Grenzen. Auch Augen- und Haarfarben müssen zugeteilt werden – hier beginnen Imagination und Kunst. Und hier setzt auch die Kritik an der Nachkolorierung an. Speziell in Deutschland wurde der Vorwurf der Geschichtsverfälschung gegen die Nachkolorierung historischen Filmmaterials vorgebracht. „Dabei ist Film immer eine Interpretation der Realität“, entgegnet Alexander von Sallwitz. Und letztlich müsse auch der erreichte Effekt in Betracht gezogen werden. „Der Krieg erscheint in Farbe viel schrecklicher. Daher ist die Botschaft der Autoren eine zutiefst pazifistische.“

    „Der Krieg“, Montag, 21 Uhr, ARD

  • Das Wunder der Stereoskopie

    „Avatar“, „Alice“ und die Folgen: Die Berliner Kinos rüsten auf 3 D um. Auch die Produktionsfirmen hoffen auf einen neuen Markt.

    Marianne Peinert, Rentnerin aus Hohenschönhausen, schaut sich „Avatar“ wegen 3 D an. Dafür lohnt sich, sagt sie, der Weg in die UCI-Kinowelt in Berlin-Friedrichshain an der Landsberger Allee. Rund 40 Zuschauer haben an diesem Mittwochnachmittag im 3-D-Saal Platz genommen, um sich das Weltraumindianer-Epos anzusehen. Mehr als 9,6 Millionen haben den Film in ganz Deutschland gesehen. Artikel im Tagesspiegel vom 9. März 2010 von Lars Dittmer

    Zwar ist „Avatar“ mit nur drei Auszeichnungen der Verlierer der Oscar-Nacht. Aber er hat einen Trend losgetreten, von dem nun auch seine Nachfolger profitieren. Tim Burtons 3-D-Märchen „Alice im Wunderland“ hat am ersten Wochenende 116 Millionen Euro eingespielt, Avatar spielte seinerzeit „nur“ 77 Millionen Euro ein. Der Erfolg von „Alice“ hat jedoch auch damit zu tun, dass immer mehr Kinos umgerüstet werden und so neue Zuschauer erreicht werden.

    „Viele ältere Leute schauen Avatar“, sagt UCI-Mitarbeiter Johannes Wagner. Dem letzten Herbst auf 3D umgerüsteten Kinosaal mit 298 Sitzplätzen soll daher ein zweiter folgen. Die Technik ist teuer: 120 000 Euro kosten Abspieltechnologie plus Silberleinwand, erfährt man beim Hauptverband Deutscher Filmtheater.

    Rund 20 derart ausgestattete Kinos gibt es in Berlin und Brandenburg, Tendenz steigend. Für die Betreiber können sich die Kosten schnell amortisieren – siehe „Avatar“ und „Alice“. Außerdem nimmt etwa die UCI-Kette für 3-D-Filme einen Aufpreis von 3 Euro. Zwar führen derzeit primär die großen Kinoketten die neue Technik ein, doch kleinere Kinobetreiber ziehen nach.

    Was die Produktion von 3-D-Filmen in Deutschland angeht, ist man allerdings zurückhaltend. „Deutschlandweit dürfte es rund hundert schwer Interessierte geben“, schätzt Wolf Bosse von der Berliner Postproduktionsfirma Pictorion/Das Werk. Dazu gehört auch die kleine Produktionsfirma Movie Brats in Friedrichshain, die im Frühjahr den 3-D-Animationsfilm „Water Soul“ herausbringt. Für 2012 avisiert man einen 3-D-Dokumentarfilm an: „Außerhalb der Imax-Kinos gab es bisher keine 3-D-Dokus“, sagt Alex Weimer, einer der drei Independentfilmer von Movie Brats. „Man fühlt sich wie ein Pionier.“

    3 D ermöglicht eine besondere Art des visuellen Erzählens mit langen Schnitten und imposanten Landschaftsaufnahmen. Für ihr Projekt mit dem Titel „American Backroom“ wollen die drei alle 50 US-Bundesstaaten bereisen, um eine Momentaufnahme von Amerika, rechtzeitig zu den nächsten Präsidentenwahlen, zu machen.

    Warum man in Deutschland bislang eher vorsichtig mit 3-D-Filmen ist, erklären sich die drei auch anhand der Sujets. Bislang ist der Sektor dominiert von Tier- und Landschaftsdokus sowie von Animationsfilmen wie „Ice Age 3“ und „Oben“, etwas Horror á la „Resident Evil“, und Action wie bei „Final Destination 4“. „Stoffe, die in Deutschland nur wenig produziert werden“, sagt Esther Friedrich von Movie Brats. „Man müsste hierzulande erst merken, dass auch Drama auf 3D geht.“

    Primär ist es aber natürlich die Geldfrage, die Filmemacher und Investoren abwarten lässt. Rund 1,8 Millionen Euro Kosten kalkulieren die Movie-Brat-Produzenten für „American Backroom“. Das ist zwar für Deutschland eine hohe Summe, aber Camerons „Avatar“ kostete 175 Millionen Euro.

    Rund ein Viertel teurer wird ein Film, wenn er stereoskopisch, sprich in 3D, gefilmt wird. Man benötigt zwei Kameras, für jedes Auge eine, so dass die Illusion von Räumlichkeit entsteht. Die zwei Linsen müssen während der Dreharbeiten konstant in zwei Zentimetern Abstand geführt werden (das ist der Augenabstand), was aufgrund der Breite der Geräte eigentlich unmöglich ist. Deshalb drapiert man die Kameras fast aufeinander und arbeitet mit Spiegeln. Während der Dreharbeiten justieren Spezialisten ständig nach. Die „Stereographer“ sind zumeist gelernte Ingenieure, die sich ihr Spezialwissen derzeit mit Gold aufwiegen lassen.

    „Für unser Projekt mussten wir zwei Jahre Investoren abklappern“, sagt Holger Hage, Filmproduzent und Regisseur von European Motion Pictures. Sein Mistery-Thriller „The Forbidden Girl“, ein von Edgar Wallace inspirierter 3-D-Film, soll in Berlin und Umgebung gedreht werden. Weitere „Berliner“ Projekte: Wim Wenders arbeitet derzeit an „Pina“, einem 3-D-Film über die 2009 gestorbene Wuppertaler Choreografin Pina Bausch. Gedreht wird in Wuppertal in Kooperation mit dem Berliner Büro von Das Werk und finanziell unterstützt vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Und auch die Potsdamer Filmhochschule HFF stürzt sich mit dem Film-Projekt „Topper gibt nicht auf“ ins stereoskopische Getümmel.

    Neben Berlin mischen auch Städte wie Köln und München bei 3 D ganz vorne mit. So wird mit „Konferenz der Tiere“ in diesem Herbst ein Animationsfilm der Münchner Constantin in die Kinos kommen, 2011 legt Michael „Bully“ Herbig mit „Wickie 2“ nach. Von dem Boom kann Berlin nur profitieren, sagt Hage: „Hier gibt es viele Kreative, man bekommt leicht Drehgenehmigungen. Auch die Industrie könnte das auf kurz oder lang hierherlocken.“

    Die Kinoleinwand ist nur das erste Kapitel. An Weihnachten könnte 3 D verstärkt in Privathaushalte Einzug halten – durch neuartige Fernsehgeräte. Auch im Videospielbereich deutet sich 3 D als Trend bereits an. Das dürfte den Boom füttern, steigert aber auch die Gefahr illegaler Downloads. Unschön für Hollywood: Nach Jahren der Verluste durch Raubkopierer sorgen „Avatar“ und „Alice“ dank des 3-D-Alleinstellungsmerkmals weltweit für steigende Umsätze. Damit ist womöglich schon bald wieder Schluss.

  • Berlin, Hamburg, München – wer ist Klimaqueen?

    Vier Fünftel der menschlichen Treibhausgas-Emissionen werden von Städtern produziert – obwohl sie lediglich zwei Prozent der Erdoberfläche einnehmen. Kommunen können deshalb eine Menge für den Klimaschutz tun, selbst wenn die nationalen Regierungen versagen. Wie sieht es in den drei größten deutschen Städten aus? wir-klimaretter.de hat Berlin, Hamburg und München einem Klimaschutzcheck unterzogen. Artikel bei Klimaretter.info vom 21. März 2010

    „Nur weil die Politik in Kopenhagen nichts zustande gebracht hat, ist das Thema Klimaschutz ja nun nicht grundsätzlich von der Agenda“, sagt Stephan Seiler von der Hamburger Umweltbehörde. Der Satz klingt wohlfeil, aber die Hansestadt handelt auch. Im Dezember verabschiedete der schwarz-grüne Senat ein 179 Seiten dickes Dokument, die Fortschreibung des Hamburger Klimaschutzprogramms aus dem Jahr 2007. Mehr als 350 Einzelmaßnahmen werden darin aufgelistet – beispielsweise sollen Behörden-Pkw künftig nur noch 115 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen dürfen. Bis 2020 sollen, so das Ziel, die Treibhausgas-Emissionen Hamburgs um 40 Prozent gegenüber 1990 zurückgehen.

    Als Hafenstadt würde Hamburg den Anstieg der Meere hautnah spüren – auch deshalb hat der Senat ein anspruchsvolles Klimaschutzprogramm beschlossen (Foto: Hamburg.de)

    Ein ambitioniertes Ziel ist das, aber durchaus machbar. Obwohl Städte nur zwei Prozent der Erdoberfläche einnehmen, verursachen sie etwa 80 Prozent der menschengemachten Treibhausgase. Das Potenzial für Energieeinsparungen ist bei ihnen besonders groß, die Voraussetzungen für einen Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs zum Beispiel sind dort wegen der hohen Bevölkerungsdichte besonders günstig. Schon vor zwanzig Jahren gründete sich ein europaweites Klimabündnis von Städten. Die 1.500 Mitgliedsgemeinden, -landkreise und -provinzen von Spanien bis Polen haben sich verpflichtet, ihre Emissionen bis 2030 zu halbieren. „Auf das Handeln der internationalen Politik“, sagt auch Geschäftsführerin Ulrike Janssen, „haben wir allzu lang gewartet.“

    Das europäische Klimabündnis ist nicht die einzige Reaktion auf kommunaler Ebene. Allein im vergangenen Jahr gab es mehrere weltweite Konferenzen von klimaaktiven Städten, etwa den C40 Cities Climate Summit in Seoul oder die Hamburg City Climate Conference. Dabei gehe es „auch um Selbstschutz“, räumt Ulrike Janssen ein. Denn viele Weltmetropolen sind Hafenstädte, sie wären von steigenden Meeresspiegeln besonders betroffen.

    „Derzeit sind die Pegelstände noch kein Problem“, sagt Stephan Seiler. Aber vorsorglich werden auch an der Unterelbe bereits die Deiche erhöht. Mit jährlich rund 17 Millionen Tonnen Kohlendioxid trägt Hamburg derzeit zum Klimawandel bei. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl ergibt das einen Pro-Kopf-Ausstoß von 6,6 Tonnen – damit liegt die Hansestadt zwar unter dem deutschen Durchschnitt von etwa zehn Tonnen, aber merklich über anderen Großstädten wie München (6,5 Tonnen) und Berlin (5,9 Tonnen).

    Können Kommunen überhaupt etwas fürs Klima tun?
    „Handlungsspielräume gibt es zuhauf“

    Um rund zwei Millionen Tonnen möchte Hamburg seine Emissionen schon innerhalb der nächsten zwei Jahre senken. Das Klimaschutzkonzept, lobt der Naturschutzbund (Nabu), sei das erste seiner Art. 25 Millionen Euro pro Jahr stellt der Senat dafür bereit. So sollen künftig beispielsweise Radwege verstärkt ausgebaut werden, die S-Bahn fährt seit Jahresbeginn mit Strom aus Wasserkraftwerken. Städtische Wohnungsbauförderung zum Beispiel soll es ab 2012 nur noch für besonders energiesparende Passivhäuser geben, auch die die Vorschriften für die Altbausanierung verschärft die Hansestadt. Bis 2050, so das Ziel, soll der CO2-Ausstoß im Gebäudesektor um 80 Prozent vermindert werden. Durch die Sanierung öffentlicher Bauten will der Senat private Eigentümer zur Nachahmung anregen (die städtischen Energiekosten werden dabei ganz nebenbei gesenkt).

    Im Fadenkreuz des Berliner Gesetzes: Der Altbaubestand (Foto: Wikipedia)

    „Handlungsspielräume gibt es zuhauf“, betont Ulrike Janssen, obwohl Städte kaum Gesetze erlassen und kaum Steuern erheben können. Die wohl meisten Möglichkeiten gibt es im Baubereich, auch der Berliner Senat legt hier einen Schwerpunkt. Für Heizungen etwa will der rot-rote Senat detaillierte Regeln erlassen und über bundesweit geltende Gesetze hinausgehen: Auch für Altbauten soll künftig die Nutzung Erneuerbarer Energien vorgeschrieben werden, etwa von Sonnenkollektoren oder Holzpellets. Als Stadtstaat hat Berlin die Möglichkeit, dafür ein eigenes Klimagesetz zu erlassen – doch Bereiche jenseits des Bausektors kommen darin kaum vor, zudem hängt der Gesetzentwurf seit mehr als zwei Jahren im Lobbygestrüpp fest. Bau- und Wohnungswirtschaft lehnen es als zu unflexibel ab, andererseits sorgen sich Teile von SPD und Linkspartei vor möglichen Mietsteigerungen.

    Auf zwölf Millionen Tonnen (derzeit: 19 Millionen) soll der Berliner Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 sinken, aber bis zum Erlass des Gesetzes sind die Schritte auf dem Weg dorthin eher klein. Mit sogenannten „Energiesparpartnerschaften“ senkt der Senat bereits seine Energiekosten (und den eigenen CO2-Ausstoß): Privatfirmen übernehmen dabei die Energieversorgung öffentlicher Gebäude und suchen selbst nach Einsparmöglichkeiten – den Gewinn daraus teilen sich Land und Unternehmen. In den bislang beteiligten rund 1.300 Gebäuden sei bereits eine jährliche Ersparnis von rund 60.000 Tonnen Kohlendioxid erreicht, so der Senat.

    Stufenweise soll es abwärts gehen mit den Emissionen: unter anderem durch das Praterkraftwerk in München (Foto: Praterkraftwerk.de)

    Welche der deutschen Großstädte tut denn nun am meisten fürs Klima? „Was Strategie und Beharrlichkeit angeht, ist München Vorreiter“, sagt Ulrike Janssen vom Klimabündnis. So fördere die Alpenmetropole bereits seit den 90er Jahren private Klimaschutzinitiativen – damals war der Klimawandel noch längst nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Auch in München gibt es eine lange, lange Liste städtischer Klimavorhaben – von Effizienzsteigerungen bei der Straßenbeleuchtung bis zu Großvorhaben wie die Neubausiedlung Freiham im Westen der Stadt, die komplett mit Erdwärme beheizt werden und dadurch 19.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen soll.

    Innerhalb der Stadtverwaltung läuft gerade ein Wettbewerb um neue Ideen, die Rathaus-Spitze hat alle Behördenreferaten aufgerufen, Ideen zur Emissionsminderung einzureichen, die dann im April als „Integriertes Handlungsprogramm Klimaschutz“ beschlossen werden sollen. Doch von Umweltverbänden kommt auch Kritik: Im Verkehrssektor, bemängelt etwa Martin Hänsel vom Bund Naturschutz, laufe „rein gar nichts“. Dabei sei dies, angesichts steigender Autozahlen und nicht vorhandener Schwerindustrie, in München ein überaus wichtiger Posten der Klimabilanz. Etwa 500.000 tägliche Autofahrten ins Umland, meist von Berufspendlern, haben Verkehrswissenschaftler in München registriert – trotzdem fehlen strategische Ziele für eine klimafreundlichere Nahverkehrsversorgung.

    Die eigentlich vorbildliche Stadt ist bereits einmal an Klimazielen gescheitert. 1991 hatte München beschlossen, den Treibhausgas-Ausstoß bis 2005 um 30 Prozent (gegenüber 1987) zu senken. Dafür ließ man sich vom Freiburger Öko-Institut vorbildliche Konzepte schreiben. Doch im Jahr 2000 waren gerade einmal sieben Prozent Reduktion geschafft. Es sei klargeworden, hieß es 2004 in einer Zwischenbilanz, „dass ohne einen einschneidenden Wandel in den Rahmenbedingungen für kommunale Klimaschutzaktivitäten die ambitionierten Reduktionsziele nicht erreichbar sein werden“. Im Klartext: Eine Klima- und Energierevolution ist allein in den Städten eben doch nicht zu machen.

    Der revidierter Münchner Klimaplan sieht nun vor, den CO2-Ausstoß (2008: etwa 8 Mio. Tonnen) bis 2030 zu halbieren. Einen großen Teil davon sollen die Stadtwerke schaffen – sie haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2015 alle Privatkunden zu hundert Prozent aus Erneuerbaren Energien zu versorgen, bis 2025 auch alle Gewerbekunden. Dazu dienen eigene Projekte wie das Praterkraftwerk, außerdem steigen die Stadtwerke in großem Maßstab in Offshore-Windparks in der Nordsee und Solarkraftwerke in Spanien ein.

    Vattenfalls Klimakiller in Moorburg wird sich
    in der offiziellen Klimabilanz nicht niederschlagen

    Hamburg und Berlin haben es da schwerer, seit dem Verkauf der kommunalen Versorger HEW bzw. Bewag sind die Großstädte das Revier des Atom- und Kohlestromers Vattenfall.  Zwar entschied sich in der Hauptstadt der Senat Anfang 2009 für den Einkauf von Ökostrom für den öffentlichen Bedarf – aber erst nach heftigem öffentlichen Druck und selbst dann auch nur für eine hellgrüne Billigvariante. Hamburg, um zumindest ein bisschen Einfluss auf die Energieversorgung zurückzugewinnen, hat wieder einen städtischen Energieversorger gegründet. Während der schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen hatte die GAL dies ultimativ verlangt – als kleine Kompensation für das letztlich nicht verhinderte Kohlekraftwerk von Vattenfall in Moorburg.

    2012 soll diese CO2-Schleuder mit einem Jahresausstoß von neun Millionen Tonnen ans Netz gehen. Doch in der offiziellen Klimabilanz der Elbestadt wird sich das nicht niederschlagen. Praktischerweise wird sie seit 2003 nicht nach der sogenannten „Quellmethode“ ermittelt, sondern nach der „Verursachermethode“: Nicht die Emissionen, die auf dem Hamburger Stadtgebiet ihre Quelle haben, werden dabei erfasst, sondern jene, die auf die dort verursachte Energienachfrage zurückgehen. „Und der Verbrauch der Hamburger ändert sich durch Moorburg nicht,“ erklärt Umweltbehördensprecher Seiler.

    Bleibt zu hoffen, dass die Elbe diese statistischen Feinheiten berücksichtigt, sollte sie klimawandelbedingte Überschwemmungen planen.

  • „Einige wollen unsere Stadt in Brand setzen“

    Jetzt beginnt die heiße Protest-Phase in Kopenhagen: Tausende Demonstranten werden am Sonnabend zu einer Großdemonstration am Rande des Klimagipfels erwartet. Angekündigt haben sich auch radikale Gruppen. „Darauf sind wir gefasst“, sagt Lars-Christian Borg, Sprecher der Kopenhagener Polizei. Interview bei Klimaretter.info vom 11. Dezember 2009

    Lars-Christian Borg, Sprecher der Polizei Kopenhagen

    Wir-Klimaretter.de: Herr Borg, langsam läuft der Protest warm.

    Lars-Christian Borg: Viel ist noch nicht los.

    Seit Wochen wird davor gewarnt, radikale Kräfte könnten den UN-Gipfel stürmen. Haben Sie handfeste Erkenntnisse?

    Ja, uns liegen entsprechende Informationen vor. Wir kooperieren mit vielen Ländern und haben auch eigene Ermittlungen angestellt. Wir wissen, dass es Aktivisten gibt, die hier mit feindseligen Absichten anreisen.

    Was meinen Sie mit „feindseligen Absichten“?

    Die meisten Protestler kommen her, um friedlich zu demonstrieren. Andere aber reisen an, um unsere Stadt in Brand setzen wollen. Wir sind darauf gefasst.

    Wie sieht die Strategie der dänischen Polizei aus?

    Wir suchen im Vorfeld den Dialog mit den Aktivisten, sodass beide Gruppen – Polizei und Klimaprotestler – voneinander lernen können. Unser Ziel ist, im Hintergrund zu bleiben. Wir wollen reden. Wenn aber Troublemaker auf den Plan treten, können wir auch anders. Die Sicherheit der Konferenzteilnehmer ist absolut zentral.

    Stehen Sie in Kontakt mit Aktivisten?

    Ja, schon seit vielen Monaten. Wir haben uns gegenseitig eingeladen und kommunizieren regelmäßig.

    Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren das so genannte „Lümmelpaket“, das die Befugnisse der Polizei immens erweitert und das Recht auf freie Meinungsäußerung beschneidet.

    Unsere Möglichkeiten der Verfolgung von gewalttätigen Protestlern haben sich eigentlich nicht geändert – nur die Strafen wurden erhöht. Wer in Kopenhagen an gewalttätigen Aktionen teilnimmt, kann jetzt bis zu 14 Tage im Gefängnis landen. Hoffentlich hat das eine abschreckende Wirkung.

    Finden Sie die Maßnahmen des „Lømmelpakke“ angemessen?

    Polizisten reden nicht über Politik. Das Paket wurde von der Politik erlassen – wir Polizisten kommentieren es nicht.

    Umfassender Service für die Inhaftierten – Lars-Christian Borg (rechts) von der Kopenhagener Polizei mit Wir-Klimaretter.de-Reporter Lars Dittmer. Der hält übrigens keinen Schlagstock in der Hand, sondern ein Fotostativ (Alle Fotos: Chris Weimann)

    Haben Sie eine private Meinung – beispielsweise zur Vorbeugehaft? Finden Sie die Verhaftung auf Verdacht angemessen für Menschen, die an Klimaprotesten teilnehmen?

    Wir sind uns der Problematik bewusst und wollen natürlich keine unschuldigen Menschen einsperren. Es kann aber auf der anderen Seite schwierig sein, den Krawallmacher vom friedliebenden Aktivisten zu unterscheiden. Wir haben das Problem oft diskutiert.

    Was sind die Kriterien? Ein Stein in der Hand oder langes Haar?

    Beim Stein in der Hand ist die Sache natürlich klar. Langes Haar allein genügt als Kriterium hingegen nicht. Es kommt sehr auf die Situation an.

    Im Klartext: Es gibt keine harten Kriterien? Sie können nach eigenem Ermessen Protestler in Vorbeugehaft nehmen?

    Im Prinzip – ja. Wir müssen natürlich von Situation zu Situation neu entscheiden. Ich kann natürlich auch nicht nach Belieben Leute vor dem Bella Center einsammeln. Ich muss erst feststellen, um was es ihnen geht, und in welcher Situation wir uns befinden.

    Haben Sie bei der Kopenhagener Polizei die Kapazitäten für Massenverhaftungen?

    Ja, klar. Wir haben eine Halle eingerichtet, um festgenommene Personen zu verwahren. Es gibt hier Platz für 370 Menschen – und daneben noch die Polizeistationen und einige andere Orte und Räume in der Stadt. Wir hoffen natürlich, dass wir sie nicht benötigen werden.

    Verschiedene Organisationen haben sich im Vorfeld beschwert, dass die Aufbewahrung von Klimaprotestlern in Massenkäfigen unangemessen sei.

    Was soll ich sagen? Es ist kein Hotel. Man ist mit vielen anderen Leuten zusammen eingesperrt. Man muss natürlich auch dran denken: Wenn man eingesperrt wird, kann man auch selbst daran Schuld sein. Es ist nicht grausam, es ist kein Gefängnis. Es ist beheizt, man kann etwas essen und natürlich auch auf die Toilette gehen, man ist unter Menschen. Und 30 Polizeibeamte und ein Doktor sind 24 Stunden am Tag da, um sich um die Inhaftierten zu kümmern. Die Sicherheit der Menschen liegt uns am Herzen. Es ist kein Gefängnis, aber auch kein angenehmer Ort.

    Viel Platz für Vorbeugehaft – das Polizeipräsidium Kopenhagen

    Wieviele Polizisten können Sie am kommenden Samstag einsetzen?

    Tut mir leid, darüber darf ich keine Auskunft geben.

    Finden Sie eigentlich, die Klimaprotestler setzen sich für eine gute Sache ein?

    Ich sollte eigentlich nicht drüber sprechen. Aber: Wir Polizisten sind auch nur Menschen. Ja, ich trage eine Uniform, und soll für Recht und Ordnung sorgen. Dennoch: Viele von uns denken, dass es gut ist, dass die Menschen demonstrieren. Es ist wichtig, dass sie dieses Recht haben. Aber: friedlich.

    Wie stehen Sie zum Klimawandel?

    Ich glaube, das er kommt und zwar sehr schnell. Da muss etwas geschehen. Kopenhagen tut sehr viel für die Umwelt, darauf bin ich stolz. Auch bei der Polizei tun wir etwas gegen den Klimawandel: Wir sparen Strom und Wasser.

  • Das Bingospiel von Kopenhagen

    Nicht nur Regierungsvertreter, Journalisten und Umweltschützer tummeln sich auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen, sondern auch Tausende Wirtschaftslobbyisten. Artikel bei Freitag.de vom 11. Dezember 2009 von Toralf Staud und Lars Dittmer

    Als „wichtigste Konferenz seit dem zweiten Weltkrieg“ hat der britische Regierungsberater Sir Nicholas Stern den UN-Klimagipfel in Kopenhagen bezeichnet. Mark Grundy nennt ihn „die weltgrößte Gelegenheit fürs Klimamarketing in den nächsten vier Jahren – mindestens“. Grundy ist PR-Berater bei der weltweit agierenden Agentur Edelman, und bereits im Oktober 2008 riet er seinen Kunden, in Kopenhagen präsent zu sein, um im „grünen Image-Krieg“ zu punkten.

    Illuminierte Weltkugel auf dem Rathausplatz in Kopenhagen (Alle Fotos: Lars Dittmer)

    Nicht nur Delegierte von 192 Regierungen tummeln sich deshalb seit Montag in der dänischen Hauptstadt, sondern auch Tausende Journalisten, Umweltschützer – und Wirtschaftslobbyisten. Ihre Zahl hat sich seit dem Klimagipfel von Kyoto 1997 etwa verdreifacht. Am Freitag gab es in Kopenhagen einen eigenen „Business Day“ mit Diskussionsveranstaltungen und Firmenpräsentationen. Einige Unternehmen dürfen sich sogar „Sponsor“ des Gipfels nennen: BMW, Mercedes und Volvo beispielsweise chauffieren Delegierte – und haben dafür Fahrzeuge mit untypisch niedrigem CO2-Ausstoß nach Kopenhagen gebracht. Auch die PR-Agentur Hill&Knowlton nutzt die Gelegenheit zur Imageverbesserung – Kritiker hatten dem US-Unternehmen in der Vergangenheit unter anderem vorgehalten, dass es im Auftrag der Tabakindustrie Zweifel an der Gesundheitsgefährdung durch Rauchen gesät oder für Kohlefirmen Stimmung gegen strenger Klimaauflagen gemacht habe.

    Längst besitzen Unternehmensvertreter auf Klimagipfeln einen eigenen Status: BINGOs werden sie im Diplomatenjargon genannt, das ist das Kürzel für Business and Industry Non-Governmental Organizations. Die Delegationen etwa der Internationalen Handelskammer ICC oder der Internationalen Emissionshandels-Vereinigung sind inzwischen größer als die vieler Staaten Früher ging es den Lobbyisten etwa von Erdöl- oder Kohlefirmen darum, strenge Umweltauflagen zu verhindern – auch in Kopenhagen versuchen dies noch die Vertreter der Luftfahrtindustrie, die bisher von Emissionsgrenzen generell ausgenommen ist. Doch seit einigen Jahren gibt es immer mehr Unternehmen, die mit Klimaschutz gutes Geld verdienen. In Kopenhagen ist nun auch der Europäische Windkraftverband präsent. „Wir alle spüren: Das ist eine Konferenz, die uns bewegt“, bekannte kürzlich der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel. „Die Wirtschaft engagiert sich in großem Maßstab und versucht, das Gipfelergebnis zu beeinflussen“, sagt Olivier Hödemann vom lobby-kritischen Verband Corporate Europe Observatory.

    Im Kopenhagener Bella Center, wo der Gipfel tagt, gibt es für die BINGOs einen eigenen Bereich mit Besprechungskabinen. Jeden Morgen, Punkt 9 Uhr, tauschen sich die Industrielobbyisten aus, was am Vortag passierte und für die nächsten Stunden zu erwarten ist. Bei den Verhandlungen selbst haben sie nur Beobachterstatus, deshalb versuchen sie vor allem am Rande des offiziellen Programms in privaten Gesprächen oder sogenannten „Side Events“ auf sich und ihre Ziele aufmerksam zu machen. Für die breite Öffentlichkeit gibt es glamouröse Auftritten beispielsweise auf dem Rathausplatz von Kopenhagen. Dort findet „Hopenhagen LIVE“ statt, eine Art Weihnachtskirmes von Umweltfirmen – oder jenen, die sich dafür halten.

    Wenn es dunkel wird am späten Nachmittag, dann leuchtet dort eine riesige Erdkugel auf – unter anderem mit dem Logo des Energieriesen Vattenfall. In einem Ausstellungswagen präsentiert der schwedische Konzern Arbeiten junger Nachwuchsdesigner. „Vattenfall hat mir die künstlerische Freiheit gegeben, die ich für mein Projekt benötigte“, sagt Ejvind Chang, einer von ihnen, in Journalistenmikrofone. Dass der Konzern in der Ex-DDR alte Braunkohlekraftwerke weiterbetreibt und nach Greenpeace-Berechnungen mit fast 900 Gramm CO2-Ausstoß pro erzeugter Kilowattstunde Strom „Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter“ ist – davon hat der junge Designer nie gehört.

    "Hope-Not"-enhagen.

    Die Filme der Designstudenten verarbeiten Begriffe aus dem Bereich Klimaschutz – in einem greift etwa ein „Klimasuperheld“ immer dann ein, wenn Glühbirnen zu lange brennen. „Unser Konzern möchte Leute auf eine spaßorientierte und kreative Weise zum Klimaschutz bewegen“, sagt Sprecherin Andrine Nordby. In einer Ecke können Besucher auf einem Computermonitor den Wasserstand in verschiedenen Küstenstädten um eine beliebige Anzahl von Metern steigen lassen. Die Simulation zeigt exakt, welche Straßen überschwemmt werden. „Man kann gucken, ob man überlebt“, scherzt Nordby. Dabei hängt es gerade auch von Vattenfall ab, wie lange dreckige Kohlekraftwerke den Klimawandel anheizen und wie viele Opfer die Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten fordern wird.

    Auf dem Screen kann man sehen, wer überlebt in Kopenhagen.