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  • Joachim Gauck und die Muslime – halbe Zuneigung

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    Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Als Altpräsident Christian Wulff sich vor zwei Jahren zu einem Deutschland bekannte, indem auch der Islam zu Hause ist, trat er eine wüste Debatte los. Auch sein Nachfolger Joachim Gauck hat sich in diese Diskussion jetzt eingeschaltet – und weicht hinter dem zurück, was Wulff sagte. Der Integration tut er damit keinen Gefallen.

    Deutsch-türkische Flagge in Neukölln. (Bild: Reiner Zenz/Wikipedia)
    Deutsch-türkische Flagge in Neukölln. (Bild: Reiner Zenz/Wikipedia)

    Die Debatte um den Islam in Deutschland geht in die nächste Runde – und schlägt mit den jüngsten Äußerungen vo n Bundespräsident Joachim Gauck wieder eine unselig Richtung ein. Jener sagte in einem am gestrigen Donnerstag erschienen Interview mit der „Zeit“, Präsident Wulff habe mit seiner Äußerung, der Islam gehöre zu Deutschland, die Bürger auffordern wollen, sich der Wirklichkeit zu öffnen. Und die sehe so aus, „dass in diesem Land viele Muslime leben“. Und mit dem Satz, der darauf folgte, distanzierte er sich zumindest indirekt von Wulff: „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“

    „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“ – halten wir das kurz fest: Es leben Menschen muslimischen Glaubens hier, teils in der dritten und vierten Generation, arbeiten hier, zahlen Steuern, nehmen aktiv am politischen und kulturellen Leben teil, und ein Bundespräsident sagt ihnen, sie gehören zu diesem Land? Ist ja freundlich von ihm, mag sich mancher Muslim nun denken. Angesichts der islamophoben Welle nach Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ mag das in seiner ganzen Plattheit noch wie ein Zugeständnis klingen, wie eine Fortführung des Dialogs, den Christian Wulff bei all seinen Fehlern begonnen hatte.

    Doch ist es das tatsächlich? Ein klares Nein. Für Plattitüden ist Gauck zu klug, zu sprachbewusst und zu politisch. Tatsächlich geht er mit seinem Satz auf die Sarrazin-Jünger zu –  und bleibt seinen eigenen Äußerungen  treu. Schließlich hat er schon während der Debatte 2010 Sarrazin „Mut“ für dessen Thesen zugebilligt. Diesmal allerdings mutet Gauck dem Bürger schon eine gehörige Exegesefähigkeit zu: Um sprachliche Nuancen geht es in seiner Äußerung  – doch die können bei der aufgeheizten Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehöre, weitreichende Folgen haben. Zwei Deutungen lassen sich aus seinem Satz herauslesen.

    Warum trennt Gauck zwischen Islam und Muslimen? Warum die Spitzfindigkeiten? Wer stellt denn „den Islam“ in Deutschland dar? Die Menschen. Oder gäbe es ein Christentum ohne Christen? In der Trennung zwischen den Menschen und der Religion wird gern der Eindruck erweckt, „der Islam“ sei eine abstrakte Macht, die von Menschen unabhängig existiert, quasi Menschen „befallen“ könnte. Da „der Islam“  in Deutschland gerne als etwas Bedrohliches konstruiert wird, könnte so eine Äußerung den Eindruck erwecken, der „Kampf um die Köpfe“ der Muslime sei noch nicht vorbei. Wenn man nur „richtig integriere“, besteht noch die Chance, „der Islam“ würde verschwinden. Die Angst vor „dem Islam“ wird damit jedoch niemandem genommen. Deshalb ist Joachim Gaucks Aussage kontraproduktiv. Nur wenn auch „der Islam“ zu Deutschland gehören darf, wird es deutsche Muslime geben: Muslime, die sich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Muslime, die keinen Widerspruch sehen zwischen der Ausübung ihres Glaubens und dem Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz.

    Es kann natürlich auch sein, dass sich Gauck vor dem Bekenntnis scheut, dass „der Islam“ zu Deutschland gehört, weil er in Deutschlands Geschichte erst seit wenigen Generationen Gewicht bekommt. Sieht man den Islam als historisch-politisches Konzept, lässt sich natürlich fragen: Hat der Islam auf die Geistesgeschichte Deutschlands Einfluss gehabt? Doch das ist eine Frage für Historiker, um die sich akademisch trefflich streiten lässt. Im Mund von Politikern ist sie Zündstoff, denn „einfach nur so“ sagt niemand etwas in der Politik. Wenn ein hochgestellter Entscheider auf den angeblich nicht vorhandenen geschichtlichen Einfluss des Islams auf unser Land hinweist, hat dies Symbolkraft. Man fragt sich: Was sind die Konsequenzen? Haben deswegen Muslime weniger Recht auf freie Religionsausübung? In einer Demokratie natürlich nicht.

    Ein Bundespräsident hat in Diskussionen wie diesen eine erhebliche Macht – er kann aktive Integrationspolitik leisten. Je mehr jungen Muslimen beigebracht wird, dass sie nicht zu diesem Land gehören, desto mehr werden sie sich bedrohlichen Phänomenen wie den Salafisten zuwenden. Denn die bieten jungen Menschen Zugehörigkeit und Identität an – und dies ohne große Ansprüche. Wir möchten aber Muslime, die sich zu Deutschland bekennen, mit allen Pflichten und Rechten. Anstatt also mit wortklauberischen Formulierungen an die Presse zu gehen, sollte Gauck sich offensiv zu allen Gruppen dieser Gesellschaft bekennen. Er sollte Ängste nicht nur verstehen, sondern sie auch bekämpfen. „Der Islam“ gehört hier und jetzt zu diesem Land – allein festzustellen, dass Muslime hier leben, reicht nicht aus.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Mitt Romney – Kandidat ohne Rückenwind

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    Nun steht es fest: Der Herausforderer Obamas bei den US-Präsidentschaftswahlen im November heißt Mitt Romney. Sein zentrales Wahlkampfthema dürfte klar sein: die kränkelnde US-Wirtschaft  – ein Gebiet, für das der Multimilionär geradezu prädestiniert erscheint. Doch trotz dieser Steilvorlage dürften seine Wahlchancen am Ende nicht allzu gut sein – die Republikaner geben ein zerrissenes Bild ab, Romney ist nicht ihr Traumkandidat.

    Im konservativen Amerika umstritten: Mitt Romney (Bild: Gemeinfrei/Wikipedia)
    Im konservativen Amerika umstritten: Mitt Romney (Bild: Gemeinfrei/Wikipedia)

    Es klingt eigentlich nach paradiesischen Bedingungen für einen Herausforderer im Kampf um das höchste Amt in den USA: Wirtschaftsprognosen sehen das Wachstum bei lahmenden zwei Prozent, die Arbeitslosigkeit dümpelt bei mehr als acht Prozent dahin, die Verbraucher sind pessimistisch, kaum jemand möchte sein Geld ausgeben. Die Vereinigten Staaten sind über die Finanzkrise noch längst nicht hinweg. Und die Schuld dafür sieht jeder zweite US-Amerikaner bei Präsident Obama.

    Mitt Romney müsste sich eigentlich nur noch von der Welle der Unzufriedenheit tragen lassen. Seine Nominierung steht dank seines Vorwahlsieges in Texas fest, seiner offiziellen Kür steht nichts mehr im Wege. Die Umfragen sehen Romney dichtauf, 45 Prozent würden ihn derzeit wählen, nur ein Prozent mehr votiert für Obama. Gerade bei der Wirtschaftskompetenz sehen viele den Geschäftsmann Romney vorn. Bei einem guten Wahlkampf – den der Multimillionär sich leisten kann – sollte einem Sieg nur noch wenig entgegenstehen. Eigentlich. Doch zum großen Unglück für Romney steht eine große Hürde in seinem Weg: seine eigene Partei. Mit ihren Widersprüchlichkeiten, ihrer Zerstrittenheit und dem Dogmatismus des erzkonservativen Flügels könnten die Republikaner ihrem Kandidaten Romney, der ja nun auch die Mitte der Gesellschaft einfangen will, den Wahlsieg noch vereiteln.

    So dürfte etwa die Ankündigung des Immobilientycoons Donald Trump, einen riesigen Fundraiser für Romney diese Woche zu veranstalten, bei dem Kanidaten bestenfalls gemischte Gefühle auslösen. Trump hatte bis vor kurzem noch selbst Ambitionen auf die Kandidatur, macht sich jetzt aber durch sein Beharren, Obama sei nicht in den Staaten geboren, in der Öffentlichkeit lächerlich. Dass Obama seine Geburtsurkunde im vergangenen Jahr präsentiert hat, ficht Trump nicht an. Klar braucht Romney Trumps Geld. Doch derart mit einem „Birther“ (wie die fanatischen Zweifler an Obamas amerikanischem Geburtsort genannt werden) assoziiert zu werden, dürfte für ihn im Kampf um die Mitte unattraktiv sein. Und Trump ist nicht der einzige Verschwörungstheoretiker im rechten Lager. Solche Zwickmühlen werden Romney noch öfter blühen, in einer Partei die ihm merkwürdig fremd zu sein scheint.

    Auch außenpolitisch kann Romney keine Akzente setzen, ohne sich in Widersprüche mit der republikanischen Partei zu verwickeln. So wollte er jüngst Obama wegen dessen Syrien-Politik attackieren. Durch eine „Politik der Lähmung“ habe Obama dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad die Ermordung von 10,000 Zivilisten ermöglicht, sagte er. Man müsse stattdessen die Opposition aufrüsten. Dumm nur, dass seine eigene Partei das in großen Teilen nicht so sieht. Nach Afghanistan und dem Irak ist man kriegsmüde, ebenso wie die Bevölkerung. Doch die Republikaner wären nicht die Republikaner, gäbe es nicht in ihren Reihen Senatoren wie John McCain und Lindsey Graham aus South Carolina, die für Luftschläge gegen das Terror-Regime Assads sind. Von einer einheitlichen Position ist man an der Spitze der Republikaner weit entfernt. Romneys Positionen aber sind bestenfalls zahnlos.

    Doch es kommt noch ein weiteres Problem hinzu für den ehemaligen Gouverneur von Massachusetts: Ständig gibt es in den eigenen Reihen Leute, die meinen, es besser zu können. Im Vorwahlkampf konnte der Konservative Rick Santorum die Stimmen des bibeltreuen Amerikas gegen Romney holen. Der ultrarechten „Tea Party“-Bewegung wäre so gut wie jeder andere Kandidat lieber gewesen als Romney, der millionenschwere Wendehals, der vor nicht allzu langer Zeit noch für das Recht auf Abtreibung eintrat. Anders als Konsenskandidaten wie seinerzeit Ronald Reagan, der in nahezu allen Lagern beliebt war, könnte dieses Sperrfeuer Romney den Sieg kosten. Denn beim Kampf um die Mitte muss er von einigen der rechtskonservativen Positionen, die er sich während der Vorwahlen quasi über Nacht angeeignet hat, wieder abweichen. Damit aber wird er den rechten Flügel der Republikaner gegen sich aufbringen.

    Dies wird das zerstrittene Bild des rechten Lagers in der Öffentlichkeit noch verstärken. Und sollte die Wirtschaft dann auch noch zulegen, wird Romneys Kompetenz in diesem Feld nicht mehr benötigt. Als Geschäftsmann mag er ein gutes Händchen haben, als Präsidentschaftskandidat fehlt ihm der nötige Rückenwind.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Landtagswahlen in NRW: „Für die FDP gehts ums Überleben“

     

    Läuft prima für die FDP. (Bild: Dirk Vorderstraße/Wikipedia)
    Läuft prima für die FDP. (Bild: Dirk Vorderstraße/Wikipedia)

    Acht Prozent bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und verhalten optimistische Prognosen für kommenden Sonntag in Nordrhein-Westfalen: Hat die FDP die Talsohle durchschritten? „Überhaupt nicht,“ sagt der Politologe Professor Doktor Oskar Niedermayer im Gespräch mit Yahoo! Nachrichten – die Krise der Liberalen gehe weiter. Denn nicht einmal der Bundeskanzlerin sei an einer vor Kraft strotzenden FDP gelegen. Die Liberalen sind indes nicht die Einzigen, die vor der Wahl bangen müssen – mit einem möglichen Sechsparteienparlament in Düsseldorf wird die Regierungsbildung zum Kraftakt.

    Yahoo! Nachrichten: Die FDP konnte in Schleswig-Holstein überraschenderweise acht Prozent der Stimmen einfahren. Wen haben die Menschen eigentlich gewählt – FDP oder Kubicki?

    Prof. Dr. Oskar Niedermayer: Sie haben weitaus mehr den Spitzenkandidaten gewählt, als dies für die FDP bei Landtagswahlen normalerweise der Fall ist.

    Sind denn die FDP-Wähler eher Themen- als  Personenwähler?

    Ja, auf der Landesebene schon. Hier wählen Menschen die FDP oft wegen ihrer Themen. Schleswig-Holstein ist eine Ausnahme, weil Kubicki sehr bekannt für einen Spitzenkandidaten einer kleinen Partei ist – und bei den Menschen beliebt.

    Ist denn bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen auch schon absehbar, dass Personen die Wahl entscheiden werden? Handelt es sich um vielleicht sogar um eine generellen Trend?

    Bei Wahlen spielen immer Themen und Personen eine Rolle – oft sind Personen untrennbar mit ihren Themen verbunden. Die Politiker werden ja nicht wegen ihres guten Aussehens gewählt. In NRW vermute ich hier einen starken Personeneffekt bei der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft von der SPD, denn sie ist sehr beliebt und liegt in den Umfragen weit vor ihrer Partei. Bei der FDP würde ich den Effekt weitaus weniger stark sehen als bei Kubicki in Schleswig-Holstein. Denn: Christian Lindner ist relativ neu und weitaus weniger bekannt als ein Kubicki, der seit Jahrzehnten politisch tätig ist. Kubicki ist wirklich eine Ausnahme unter dem momentanen FDP-Personal auf Landesebene.

    Hatte der ehemalige FDP-Außenminister Genscher Lindner nicht als die große Hoffnung der Partei bezeichnet?

    Das Eine schließt das Andere nicht aus. Wenn Lindner in NRW ein gutes Ergebnis erzielen kann, wird er höchstwahrscheinlich bald auf Bundesebene wieder eine Rolle spielen.

    Ist die FDP denn über den Berg?

    Sie ist überhaupt nicht über den Berg, denn ganz klar: Sowohl in Schleswig-Holstein als auch in NRW wurde gegen den Bundesvorsitzenden Philipp Rösler Wahlkampf gemacht, nicht mit ihm. Und diese Abgrenzung haben die Wähler honoriert. Dreiviertel der FDP-Wähler in Schleswig-Holstein haben geäußert, dass sie finden, die Liberalen haben den falschen Vorsitzenden und bewerten die FDP besser im Land als im Bund. Also: Auch wenn die Liberalen in NRW besser abschneiden sollten – die Misere im Bund bleibt.

    Kann unter diesen Vorzeichen ein Philipp Rösler überhaupt politisch überleben?

    Das kommt darauf an, ob in der FDP jemand mutig genug ist, den Königsmörder zu spielen und ob man sich auf einen Nachfolger einigen kann. Beides ist äußerst fragwürdig. Wenn Rösler bleibt, wird der Bundestagswahlkampf schlecht ausgehen für die FDP, er ist einfach zu unbeliebt. Seit einiger Zeit wird er noch schlechter bewertet als vormals Westerwelle – und das ist schon eine Leistung.

    Wer steht denn als Nachfolger bereit? Brüderle?

    Naja, sowohl Brüderle, Lindner als auch Kubicki haben alle Putschgerüchte dementiert. Ihr Problem ist, dass Brüderle und Lindner nicht gut genug miteinander können, um die FDP aus der Krise zu leiten. Brüderle kann sich zudem noch an seine Zeit als Wirtschaftsminister erinnern, da wurde er von den Medien als Provinzpolitiker und „Weinkönig“ angegangen. Es gibt schon gute Gründe, warum niemand Rösler momentan offen angreift.

    Welche Themen werden in NRW die Wahl entscheiden?

    Ein großes Thema ist die Schuldenfrage, bei der sich die Großen gegenüberstehen. Die FDP könnte da mit einer klaren Position punkten. Wichtig ist natürlich, wie stark die Piraten werden und ob die Linke einziehen kann. Es kann sein, dass wir in NRW ein Sechsparteienparlament bekommen und dass es für Rot-Grün nicht reicht. Die Regierungsbildung wird damit sehr schwierig. Die Wähler sind heute flexibel – in NRW ist alles möglich.

    Müssen Kleinparteien nicht auch entsprechend ihre Möglichkeiten ausloten? Kann eine FDP überleben, wenn sie sich an die Union kettet?

    Die FDP sind nicht mehr der Königsmacher, diese Funktion haben sie an die Grünen nahezu verloren. Die müssen allerdings auch aufpassen, dass sie nicht zu sehr an der SPD klammern. Wenn es bei der Bundestagswahl für Schwarz-Gelb sowie für Rot-Grün nicht reicht, müssen andere Optionen gefunden werden – und wenn bestimmte Koalitionen ausgeschlossen werden, möchte man auch nicht wortbrüchig werden. Für die FDP steht dann im Vordergrund, zu überleben. Ihr Einzug in den Bundestag ist keinesfalls gesichert.

    Müssen sich die Parteien jetzt auch noch auf dauerhafte Konkurrenz der Piraten einstellen?

    Abwarten – sich als Partei in Deutschland dauerhaft auf Bundesebene zu etablieren, ist in mehr als einem halben Jahrhundert lediglich zwei Parteien gelungen, den Grünen und der Linken. Und letztere hat schon wieder Schwierigkeiten und könnte wieder zur Regionalpartei Ost werden. Die vier Landtage, in die die Piraten eingezogen sind, müssen noch gar nichts heißen. Wenn sie sich aber etablieren können, dann ganz klar im linken Spektrum.

    Im Bundesrat herrscht momentan ein Patt zwischen Union und SPD. Braucht Bundeskanzlerin Merkel nicht jetzt unbedingt einen Sieg in NRW, oder kann sie so weitermachen bis zur Bundestagswahl?

    Für sie wäre es schön, aber sie kann auch mit einer Niederlage leben. Denn in NRW herrschten ja bereits Rot-Grün, und im Bundesrat sind zurzeit die großen Koalitionen ein wichtiger Faktor, die ja neutral abstimmen. Die größte Gefahr für die Kanzlerin ist ein gutes Ergebnis für die FDP, denn je mehr Selbstbewusstsein die Liberalen haben, desto mehr werden sich von der Union abgrenzen.

    Bild: FU Berlin
    Bild: FU Berlin

    Prof. Dr. Oskar Niedermayer ist Politologe und arbeit am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin in der Arbeitsstelle Empirische Politische Soziologie.

     

     

     

     

     

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Geschmacklose Annonce: Reiseunternehmen wirbt mit vermisstem Mädchen

    Bild: Screenshot
    Bild: Screenshot

    Nicht nur Eltern dürfte bei dieser Onlinewerbung schlecht werden: das britische Schnäppchenportal „Voucherdigg.co.uk“ bewirbt Reisen nach Portugal mit einem Bild der seit 2007 vermissten Madeleine McCann, genannt „Maddie“. Das damals vierjährige Mädchen war aus einer Luxus-Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz verschwunden. Die Eltern sind entsetzt und fordern die Firma auf, das Bild umgehend zu entfernen. Das Unternehmen schweigt zu den Vorwürfen.

    „Best Value“ („Schnäppchen“) steht auf der Webseite unter dem Bild, das die kleine blonde Britin lachend mit einem Sonnenhütchen zeigt. Damit sollen günstige Reisen in das portugiesische Albufeira beworben werden, der nur 40 Kilometer vom damaligen Ferienort der McCanns entfernt ist. Es handelt sich um das letzte Foto, dass die Eltern vor dem Verschwinden des Mädchens von ihr gemacht hatten.

    Unter dem Bild steht „Beeilung, denn die Zeit ist begrenzt“ und „packen Sie Ihre Liebsten ein und genießen Sie Ihr Leben“. Klickt man auf das Angebot des Unternehmens, wird man auf die Webseite „lowcostholidays.com“ weitergeleitet, die mit dem gleichen Bild des kleinen Mädchens werben.

    Wie die britische „Daily Mail“ berichtet, sind Madeleine’s Eltern Kate und Gerry „geschockt“. „Schrecklich unsensibel“, nannte ein Sprecher der McCanns die Annonce. „Das Bild von Madeleine wird hier auf abstoßende Weise missbraucht und ob es nun ein Hack ist oder ein Versehen, es muss sofort entfernt werden.“

    Rund 24 Stunden war das Angebot bereits online, bevor die Eltern auf die Geschmacklosigkeit aufmerksam wurden. Der „Daily Mail“ gegenüber war „Voucherdigg“ zu einer Stellungnahme nicht bereit. Die McCanns haben nun die Londoner Rechtsanwaltskanzlei Carter-Ruck eingeschaltet. Vielleicht auch deswegen war das Portal mit der Online-Annonce am Mittwochnachmittag nicht mehr zu erreichen.

    Die Eltern, die beide als Ärzte tätig sind, hatten das Mädchen zusammen mit den beiden Geschwistern am 3. Mai 2007 schlafend in der Ferienwohnung gelassen, während sie unweit davon essen gingen. Als sie zurückkamen, war Maddie verschwunden. Die Eltern starteten einen verzweifelten weltweiten Hilfeaufruf, selbst David Beckham schaltete sich ein. Was die Ermittler nicht davon abhielt, die Eltern zwischendurch selbst zu verdächtigen. Bis heute ist der mysteriöse Fall ungeklärt – erst jüngst ging die britische Polizei jedoch neuen Hinweisen nach, dass das Kind möglicherweise noch lebe.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Schwarzer Wahltag für Merkel: hat sichs jetzt ausgespart?

    Kommentar

    Jean-Marc Ayrault/Wikipedia
    Jean-Marc Ayrault/Wikipedia

    Für Bundeskanzlerin Merkel war es ein verhagelter Wahlsonntag: In Frankreich bereitet der Sozialist François Hollande dem EU-Traumduett „Merkozy“ ein Ende und plant, den Fiskalpakt der EU neuzuverhandeln. In Griechenland wurden die beiden Altparteien der Mitte abgestraft – sie haben den Sparkurs von EU und IWF mitgetragen. Lösen Investitionsprogramme und Staatskapitalismus nun das Spardiktat in Europa ab? Können wir uns auf den Abschied vom Euro einstellen?  Nein, denn die Wahlergebnisse signalisieren: Es gibt auch einen Mittelweg.

    Wieder einmal muss der Wähler die Politik darauf hinweisen: „Alternativlos“ ist nichts. Offenbar auch nicht die rigide Sparpolitik, die vor nicht allzu langer Zeit noch von Bundeskanzlerin Merkel und ihrem französischen Counterpart Sarkozy schulmeisterlich durch Europa getragen wurde. Noch Ende vergangenen Jahres kündigte Sarkozy an, das französische Staatsdefizit bis 2013 von sieben auf drei Prozent senken zu wollen. Dazu seien Milliardeneinsparungen notwendig.

    Die Wähler haben es nicht goutiert – am gestrigen Sonntag konnte Sarkozy lediglich rund 48 Prozent einfahren, 51 Prozent stimmten für Hollande. Der Sozialist hatte versprochen, das Portemonnaie aufzumachen: Den europäischen Fiskalpakt wolle er aufschnüren, der die EU-Mitglieder zu Haushaltsdisziplin verpflichtet. Zuhause möchte er die Familien unterstützen, auch das gibt es nicht umsonst. Für Merkels Sparrhetorik wird es enger.

    In Griechenland sieht es ähnlich aus: Die Parteien der Mitte, die konservative Nea Dimokratika und die sozialdemokratische Pasok, haben eine böse Packung einstecken müssen – mit 149 Stimmen von 300 können sie ihre große Koalition nicht weiterführen. Stattdessen hoben die Griechen das Bündnis der Radikalen Linken „Syriza“ mit fast 17 Prozent auf Platz zwei des Siegertreppchens, und den Rest machen teils neue Splitterguppen unter sich aus. Was die Sieger allerdings gemein haben: Sie alle lehnen die schmerzhaften Einschnitte für das gebeutelte Land ab oder stehen ihnen zumindest skeptisch gegenüber.

    Immer mehr hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass alleiniges Sparen – wie es den Griechen von Merkel und Co. diktiert wurde –  nur zu mehr Armut führt, zu sonst nichts. Als wahrscheinlich gilt nun, dass sich die beiden Großparteien mit den „Unabhängigen Griechen“ zusammentun, einem rechtsgelagerten Bündnis ehemaliger Anhänger der Großen. Die „Kaputtsparpolitik“ der Vorgänger wollen sie nicht mittragen, sie fordern ein Aussetzen der Zinszahlungen. In Frankreichs Hollande finden sie einen mächtigen Verbündeten.

    Die Wähler wollen den dritten Weg

    Aber gab es da nicht mal die bösen Ratingagenturen aus New York, die Konsolidierungseinpeitscher aus dem IWF und aus Deutschland? Sparen galt als alternativlos, entweder wird der Gürtel enger geschnallt, oder der Euro ist am Ende. Mit den Wahlen vom Sonntag haben zwei europäische Länder klar gemacht, dass sie sich nicht die Pistole auf die Brust setzen lassen. Zwar ist Griechenland durch die Wahlergebnisse schwieriger zu regieren geworden. Ein radikales anti-europäisches Statement war dies allerdings nicht, die Griechen haben im Gegenteil mit der Syriza einen Parteienzusammenschluss gewählt, der für den Euro ist. Und die beiden großen Parteien vereinen noch immer fast die Hälfte der Stimmen. Es hätte schlimmer ausgehen können für sie.

    Und auch mit Hollande ist ein lupenreiner Europäer an die Macht gekommen, der zwar den strikten Konsolidierungskurs des Vorgängers ablehnt, aber mit Sicherheit nichts tun wird, was den Euro gefährden könnte. In Deutschland wird man mit dem pragmatischen Sozialisten vermutlich auf einen verlässlicheren Partner treffen als es der „Gelegenheitseuropäer“ Sarkozy war. Der wollte zwar gegen Ende seiner Amtszeit sparen, hatte aber zuvor die Reichen entlastet.

    Berlin hat auch bereits Signale an Paris für einen gemeinsamen „Wachstumspakt“ der beiden Länder gesendet. Genau der könnte den besagten Mittelweg vorzeichnen: Sparen und Schulden begleichen ja, aber auch starke Impulse für Wachstum – durch Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Soziales. Gerade in den Ländern Südeuropas sind Programme gegen die Jugendarbeitslosigkeit angezeigt. Denn ohne Geld in der Börse lassen sich auch keine Schulden begleichen.

    Nein, die Europäer haben kein radikales Statement geäußert, sondern ein moderates, aber entschiedenes „Bis hier her und nicht weiter!“ an die Kaputtsparfraktion um Bundeskanzlerin Merkel, den IWF und die Ratingagenturen laut gemacht. Das war ein guter Sonntag für Europa und könnte sich in anderen Ländern der EU wiederholen – die Politik muss diesen Ball nun aufnehmen.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Falls Hollande gewinnt: Was wird aus dem Euro?

    Bild: Wikipedia/jmayrault
    Bild: Wikipedia/jmayrault

    Beliebter Sozialist: Momentan liegt Hollande vor Sarkozy. Der Wahlkampf in Frankreich spitzt sich zu: Sozialist François Hollande liegt in den Umfragen vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Sollte der Herausforderer tatsächlich gewinnen, wäre dies auch das Ende des europäischen „Traumpaares“ Merkozy. Und diese Vorstellung lässt so manchen konservativen Politiker auch in Deutschland erschaudern. Was wird dann aus dem Euro? Schließlich hat Hollande angekündigt, den mühselig ausgehandelten Fiskalpakt neu verhandeln zu wollen. Doch EU-Expertin Professor Tanja Börzel gibt gebenüber Yahoo! Nachrichten Entwarnung. Sie glaubt, auch Hollande wird nach der Wahl die Realität der Eurokrise einholen.

    Yahoo! Nachrichten: Frau Prof. Börzel, spielen EU und Ausland im französischen Wahlkampf eine Rolle, oder ist man mit sich selbst beschäftigt?

    Prof. Tanja Börzel: Die EU-Politik spielt eine große Rolle! Sarkozy hatte sich zunächst insbesondere bei der „Euro-Rettung“ und bei den Verhandlungen um den Fiskalpakt prominent inszeniert. Er wollte über dieses Thema seine europäischen „Leadership-Qualitäten“ unter Beweis stellen. Über die vergangenen Jahre hat sich da das Blatt allerdings gewendet – Sarkozy wurde zunehmend als Junior-Partner von Merkel wahrgenommen. Dafür hat er viel Prügel einstecken müssen.

    Warum das – hegt man in Frankreich Groll gegen Deutschland?

    Das nicht, aber die Wahrnehmung in Frankreich war stets, dass man sich als Speerspitze in der EU-Politik gesehen hat und nicht als „Pudel“ Deutschlands. Zudem war die Politik Merkels sehr an Haushaltsdisziplin und Sparen ausgerichtet, sie möchte die Rolle des Staates zurücknehmen. Das französische Wirtschaftsmodell hingegen betonte stets einen starken, eingreifenden Staat, und das ganz parteiunabhängig. In Frankreich wurde es schon ungern gesehen, dass sich Sarkozy Deutschland unterordnet. Im Wahlkampf bedient der Konservative dies Sentiment: Er hat erst kürzlich wieder eine stärkere Rolle für die EZB gefordert und ist da eigentlich auch mit Deutschland über Kreuz.

    Merkel und Sarkozy galten ja lange Zeit als politisches Traumpaar, aber Sarkozy liegt in den Umfragen hinter seinem Herausforderer François Hollande. Was passiert, wenn Sarkozy aus dem Amt scheidet?

    Berechtigte Frage – deswegen wurde ja auch Merkels einseitiges Eingreifen in den Wahlkampf hier in Deutschland kritisiert. Hollande fährt in vielen Fragen einen dezidiert anderen Kurs als Sarkozy. Er hat ja angekündigt, er wolle den Fiskalpakt, der die EU-Länder zum sparen anhält, so nicht ratifizieren lassen. Da ist schon klar, dass Merkel lieber mit einem Sarkozy weitermachen möchte, bei dem sie weiß, was sie hat.

    Werden die deutsch-französischen Beziehungen unter einem Hollande leiden?

    Das glaube ich nicht. Zwar gibt es Handlungsspielräume für Politiker, es gibt aber auch realpolitische Zwänge. Und Frankreich steht wirtschaftlich derzeit nicht besonders gut da und es braucht Europa ebenso wie Europa Frankreich braucht. Ob ein Hollande genug politische Kraft hat um den Fiskalpakt neu zu verhandeln, das wage ich zu bezweifeln. Der Pakt wurde ja zwischen 25 Ländern beschlossen. Außerdem ist doch auch die Kanzlerin pragmatisch: auf kurz oder lang wird sie auch mit Hollande einen Weg der Zusammenarbeit finden.

    Also wird sich nichts ändern? Business-as-usual?

    Das deutsch-französische Verhältnis war immer zentral in Europa. Mal gab es deutsche Kanzler, die sehr gut mit ihren französischen Kollegen zurechtkamen, mal weniger. Giscard und Schmidt konnten sehr gut miteinander, auch Kohl und Mitterand verstanden sich. Schröder und Chirac hingegen waren nicht gerade ein Dreamteam, und bei Merkel und Sarkozy sah es am Anfang so toll auch nicht aus. Sie haben sich dann in der Wirtschaftskrise allerdings zusammengefunden und wurden „Merkozy“. Ich denke, Personal ist wichtig, aber entscheidender ist: Deutschland und Frankreich müssen zusammenarbeiten. Auch ein Hollande kann sich dieser Logik nicht entziehen.

    Wie wird es denn jetzt mit dem Euro weitergehen?

    Die spannende Frage ist, wie werden die Finanzmärkte auf Hollande reagieren. Frankreich ist angeschlagen und muss auch bald einen Teil seiner Schulden refinanzieren. Die Frage ist wer dem Land in seiner jetzigen Position noch Kredite geben würde. Und sollte Frankreich tatsächlich unter den Rettungsschirm müssen, hätte dies massive Auswirkungen auf den Euro! Auch ein Hollande kann daher nicht um realpolitische Notwendigkeiten herum.

    Bild: FU Berlin
    Bild: FU Berlin

    Bild: Freie Universität BerlinProf. Dr. Tanja Börzel arbeitet am
    Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften des
    Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft,
    Arbeitsstelle Europäische Integration

     

     

     

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Experteninterview: „Breivik eher nicht schuldfähig“

    Oslo am Tag des Anschlags (Bild: lizenzfrei/Wikipedia)
    Oslo am Tag des Anschlags (Bild: lizenzfrei/Wikipedia)

    Schuldig oder nicht? Für das Osloer Gericht, das diese Woche den Massenmord von Anders Behring Breivik verhandeln soll, stellt sich diese Frage nicht. Der Norweger hat alle Morde zugegeben. Angesichts der kalten Brutalität, mit der der Rechtsextremist  77 Menschen hinrichtete, steht vielmehr die Frage „schuldfähig oder nicht?“ im Vordergrund – zu wahnsinnig erscheint seine Tat. Bisherige Gutachten waren jedoch uneins:  im vergangenen Jahr attestierten ihm Psychiater Schizophrenie und damit Schuldunfähigkeit. Ein jüngst erschienenes Gutachten hingegen sieht Breivik als schuldfähig an. Gemeinsam mit dem Berliner Psychologie-Professor Peter Walschburger versucht Yahoo! Nachrichten, die Frage zu ergründen.

    Yahoo! Nachrichten: Herr Professor Walschburger, Anders Behring Breivik hat 77 Menschen umgebracht. Was könnte dieser Mensch anderes sein als wahnsinnig?

    Professor Peter Walschburger: Gute Frage. Das ist eines der größten Probleme bei der Frage nach Schuldfähigkeit oder nicht. Breivik ist aus allen menschlichen Vernunftsmaßstäben und Gesetzen der Menschlichkeit ausgebrochen. Es gibt genug Anhaltspunkte, ihn als verrückt zu bezeichnen. Vor Gericht reicht dies natürlich nicht aus.

    Breivik sah sich selbst als Tempelritter, wollte „Zuchtzentren“ für „reinrassige Norweger“.

    Ja, weitab aller menschlicher Vernunft. Er ist jetzt bestrebt, nicht als „Irrer“ abgestempelt zu werden, sondern er möchte beweisen, dass er Recht hatte. Sein Beharren auf seiner Position, seine Unvermögen, das menschliche Leid, das er verursacht, zu begreifen, spricht dafür, dass er sehr schwer gestört ist. Ein deutscher Psychiater, der zu Breivik befragt wurde, war eher der Überzeugung, dass er eine massive psychotische Störung hat, die planvolles Handeln erlaubt – und nicht schizophren ist. Er wäre dann besessen von einer sogenannten überwertigen Idee, die er bis zum Wahn und komplett abseits von menschlicher Moral verfolgt. Er ist aber durchaus fähig dazu, geplant zu handeln, also etwa hier, massenhaft Menschen umzubringen. Aufgrund seiner intelligenten Planungsleistung fiel es den Gutachtern jüngst schwer, ihn schlicht als verrückt oder schizophren zu bezeichnen.

    Lesen Sie auch: Breivik: „Ja, ich würde es wieder tun“

    Können Schizophrene diese Planungen denn nicht leisten?

    Nein, das ist äußerst selten. Schizophrene fühlen sich einer äußeren Macht verpflichtet, folgen einer höheren Eingebung, hören Stimmen und halluzinieren. Sie wehren sich gegen erdachte fremde Mächte oder Spione oder derartiges, Dinge die es für die Außenwelt nicht gibt, sie aber tatsächlich vor ihrem geistigen Auge sehen. Zu solch logistischen Anstrengungen wie Breivik sie geleistet hat, sind sie normalerweise nicht in der Lage.

    Das klingt, als gäbe es harte Kriterien für Schizophrenie. Im November 2011 urteilte ein Gutachten allerdings doch, Breivik sei schizophren und daher schuldunfähig. Wird denn eine paranoide Schizophrenie mal so ganz ohne Not attestiert?

    Nein, das natürlich nicht. Die Psychiater suchen nach Anzeichen für Krankheiten, die in einem allgemein akzeptierten Diagnosesystem klassifiziert sind. In der Psychopathologie gibt es sehr viele Möglichkeiten, wie eine Idee „überwertig“ werden kann, also zum alles dominierenden Lebensmotiv. Sogar die Liebe zu einer Person kann derart übersteigert gelebt werden – bis hin zum Stalking oder zum Mord. Da allerdings besteht oft nach der Tat Reue, die es bei Breivik nicht gibt. Das spricht eher für eine Schizophrenie. Dazu passt auch, dass er nicht von Fanatikern seiner Couleur umgeben war – er war Einzeltäter, hat isoliert von anderen Menschen planhaft und massenhaft gemordet.Ich möchte nur sagen: Die Psychiater haben es nicht leicht, die Anzeichen sind nicht eindeutig.

    Aber war das mit den Gutachten nicht dennoch ein wenig seltsam? Es gab ein erstes Gutachten, das Breivik Schuldunfähigkeit attestiert – und das dann umgehend von den Angehörigen der Opfer kritisiert wurde. Dann gab es eben ein Zweites, das etwas anderes festgestellt hat.

    Nun ja: Es ist mit Sicherheit theoretisch wünschenswert, dass Gutachter gesellschaftlich abgeschottet und ohne Einfluss der Öffentlichkeit urteilen. Aber in Realität funktioniert es nicht – die Gutachter spüren auch den Druck der Gesellschaft und der Angehörigen, die leiden und völlig am Boden zerstört sind. Und die wollen natürlich die Person auch schuldig sehen, die ja auch Ursache für ihr Leid ist. So etwas fließt natürlich auch mit ein.

    Interessant ist an dem Fall, dass Breivik sich selbst auch als schuldfähig ansieht. Der Täter und die Angehörigen der Opfer wollen diesbezüglich tatsächlich dasselbe.

    Ja, ein bemerkenswerter Sonderfall. Ändern wird es de facto nichts – ob Breivik in die geschlossene Psychiatrie kommt oder für 21 Jahre ins Gefängnis mit Sicherungsverwahrung danach, er wird aller Voraussicht nach nicht mehr in Freiheit leben können. Läuterung ist bei ihm nicht abzusehen.

    Sehen Sie Breivik als schuldfähig an?

    Eher nicht. Sein Beharren auf seiner Position und sein Mangel an Einsicht sprechen eher für seine Nichtschuldfähigkeit. Der Mann hat eine massive Störung, einen Fehler im Erkenntnisapparat. Es gibt ja Personen, die zu Emotionen nicht in der Lage sind – kaltblütige, emotionsarme Killer. Das ist Breivik aber nicht – er hat nach der Tat gegrinst. Er ist so abseits jeden menschlichen Einfühlungsvermögens, dass ich ihn nahe an der Schizophrenie sehe.

    Prof. Dr. Peter Walschburger lehrt am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Institut für Biopsychologie, der Freien Universität Berlin (Bild: Freie Universität Berlin)

     

     

     

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten

  • Satellit entdeckt vorzeitliche Siedlungen

    Wie lebten die Menschen vor 10.000 Jahren? Wissenschaftler kommen der Antwort zu dieser Frage immer näher. Zwei Forscher aus Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben im heutigen Syrien die Spuren tausender antiker Wohnstätten gefunden – mittels Satellitenbildern. Bestimmte Bodenformationen lassen teils detailgenau damalige Siedlungsstrukturen nachvollziehen.

    Ein Tell - hier lebten vorzeitliche Menschen. (Bild: Menze/Ur)
    Ein Tell – hier lebten vorzeitliche Menschen. (Bild: Menze/Ur)

    Mesopotamien, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, gilt als eine der ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Schon 8.000 Jahre vor Christus betrieben die Menschen in dieser Gegend, die auch „fruchtbarer Halbmond“ genannt wird –  der heutige Irak, der Südosten der Türkei, Teile des Irans und Syriens – Ackerbau und wurden sesshaft. Ab 3.000 Jahre vor Christus wurde hier bereits mit der Keilschrift über Handel und Alltag kommuniziert.

    Dazu bauten sie rege Siedlungen, wie jetzt Forscher herausfanden. Fast 10.000 mögliche ehemalige Wohnstätten im heutigen Norden Syriens identifizierten die Anthropologen Jason Ur und Björn Menze auf rund 23.000 Quadratkilometern. „Es handelt sich nach unserem Wissen um die größte Satellitenbild-gestützte Studie in der Geschichte der Archäologie“, schreiben sie in ihrem Bericht, der jüngst im wissenschaftlichen Journal „Proceedings of the National Academy of Science“ erschien.

    Dabei stützten sie sich auf zwei Merkmale, die bei vorzeitlichen Siedlungen in dieser Region typisch sind: So genannte Anthrosole – das sind Erden, bei denen sich erkennen lässt, dass sie durch Menschen verändert wurden und die „Tells“ – kleine Hügel, die nach der Erstbesiedelung immer größer wurden, weil Menschen auf ältere Strukturen aufbauten. Aus der Kombination dieser beiden Faktoren können die Forscher auf den Satellitenbildern erkennen, wo sich Menschen aufgrund günstiger Bedingungen über längere Zeiträume niederließen – etwa weil es Wasser vor Ort gab.

    Wie lässt sich an Erden herausfinden, dass sie durch Menschen verändert wurden? Sie sind dann leichter, feiner und bestehen aus mehr organischen Komponenten als die Böden um die Siedlungsstrukturen, schreiben die Wissenschaftler. Auch Lehmrückstände lassen sich dort nachweisen – Lehm war über Jahrtausende der Hauptbaustoff in dieser Region. Rund 14.000 Stellen mit hohen Vorkommen an Anthrosolen fanden sie, von denen rund 9.500 entsprechende Tells, also Erdhügel, aufwiesen. Für die Forscher ein sicheres Zeichen menschlicher Besiedlung.

    Von ihrer Studie erhoffen sich die Anthropologen, mehr Einsicht in die Lebensbedingungen vorzeitlicher Völker zu gewinnen. Wo ließ sich Ackerbau betreiben, wo waren Wälder? Auch über die klimatischen Bedingungen menschlicher Entwicklung soll die Forschungsarbeit aufklären.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten am 21. März

  • 29. Februar übersehen – Microsofts Cloud „Azure“ stürzt ab

    „Immer verfügbar. Immer bereit“ – so preist Microsoft seine Cloud-Plattform „Azure“ auf der Webseite an. Doch anstatt Webentwicklern und anderen Usern ständigen Zugriff zu ihren Anwendungen über das Internet zu bieten, war der Service am gestrigen 29. Februar über 12 Stunden in weiten Teilen Europas und der USA unzugänglich. Zahlreiche Seiten waren nicht erreichbar. Grund war offenbar der Schalttag – ein digitales Zertifikat war nicht auf ihn eingestellt.

    Fast wolkenfrei. (Simon Eugster / Wikipedia)
    Fast wolkenfrei. (Simon Eugster / Wikipedia)

    Der Bug war offenbar durch eine Zeitberechnung entstanden, die für den Schalttag inkorrekt war, erklärte Microsoft-Vize für den Bereich „Cloud & Server“ Bill Laing den peinlichen Aussetzer im Blog des Unternehmens.  In vielen Regionen hatten die Probleme bereits am Dienstag begonnen. Gegen 3 Uhr Pacific Standard Time, etwa 12 Uhr nach deutscher Zeit, war der Service in der Breite wieder zugänglich. Dennoch sollen einige Regionen immer noch Probleme haben.

    Betroffen sei aber lediglich die Funktionalität des Services gewesen, die Daten der Kunden seien sicher: „Wir arbeiten derzeit an einer abschließenden Problemanalyse“, versicherte Laing. Die sogenannten „Cloud“-Dienste sind Dienste, die komplett über das Internet verfügbar sind. Sie sollen so den Usern theoretisch ortsunabhängigen Zugang zu ihren Daten oder Anwendungen ermöglichen.

    Microsoft möchte sich auf Cloud-Dienste konzentrieren, da immer mehr User leistungsschwächere Notebooks den großen Home-Computern vorziehen und es an immer mehr Orten Internetzugänge gibt. Da die Dienste ohne stationäre Software laufen, besteht für Softwarefirmen kaum die Gefahr größerer Verdienstausfälle durch Raubkopien. Für die User bedeutet dies allerdings eine steigende Abhängigkeit von funktionalen Onlinediensten.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten am 2. März 2012

  • Entführter Ex-Agent – FBI zahlt eine Million Dollar für Hinweise

    Für Familie Levinson ist es ein „tagtäglicher Alptraum“: Seit fünf Jahren gilt Vater Robert „Bob“ Levinson als vermisst. Im März 2007 war der Agent von einer Reise in den Iran nicht wiedergekehrt – dennoch gibt es Anzeichen, dass er am Leben sein könnte. Nun schaltet sich das FBI, sein früherer Arbeitgeber, ein und bietet eine Million US-Dollar für Hinweise. Der Iran gibt an, nicht zu wissen wo er ist.

    Lebenszeichen: Im Jahr 2010 erhielt seine Familie ein Video der mutmaßlichen Entführer. (Bild: Screenshot/helpboblevinson.com)
    Lebenszeichen: Im Jahr 2010 erhielt seine Familie ein Video der mutmaßlichen Entführer. (Bild: Screenshot/helpboblevinson.com)

    Wir beim FBI arbeiten Tag und Nacht um Ihren Ehemann, Vater und Großvatter zurückzubringen“, versicherte Robert Mueller, Chef der Ermittlungsbehörde, Familie Levinson vergangenen Freitag auf einer Pressekonferenz. „Er hat 22 Jahre als Spezialagent für uns gearbeitet. Das kann uns und den US-Bürgern nicht egal sein.“ Berichten der „Huffington Post“ zufolge setzte die Washingtoner Behörde nun eine Belohnung von einer Millionen US-Dollar aus – rund 760.000 Euro – für alle Hinweise die helfen, Levinson zu finden und zu befreien.

    Der 63-Jährige war im Frühjahr 2007 auf der iranischen Insel Kisch als Privatermittler in einem Fall von Zigarettenschmuggel tätig gewesen. Von dieser Dienstreise kehrte er nicht mehr heim. Press TV, ein iranischer Sender, meldete zwar, dass iranische Sicherheitskräfte den Agenten festgenommen hatten. Dies wurde von einem Kontaktmann Levinsons bestätigt, den er dort noch in einem Hotel getroffen hatte. Sämtliche Nachfragen verliefen jedoch im Sande – eine Bitte der US-Regierung, Schweizer Diplomaten nach Spuren suchen zu lassen, lehnte die Iranische Regierung im September 2007 ab.

    Doch Levinsons Familie gab sich damit nicht zufrieden. Seine Frau Christine und seine Söhne reisten mehrere Male an den persischen Golf, mit offizieller Erlaubnis des Irans – ergebnislos. Ende 2010 jedoch gab es ein Lebenszeichen. Die mutmaßlichen Kidnapper sendeten Familie Levinson ein Video, das den Agenten blass und geschwächt zeigte: „Ich habe kaum noch Diabetes-Medikamente und mein Gesundheitszustand ist nicht allzu gut. Ich wurde aber gut behandelt“, sagte der Agent mit brüchiger Stimme darin. Sämtliche Versuche der Familie, mit den Verantwortlichen für das Video in Kontakt zu treten, schlugen jedoch fehl.

    Anfang 2011 meldete sich laut Huffington Post die US-Regierung in der Sache zu Wort. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, es gäbe Hinweise, Levinson sei am Leben und er werde von einer Gruppe irgendwo in „Südwestasien“ festgehalten. Offenbar sei von iranischer Seite inzwischen Hilfe in der Sache angeboten worden, die die US-Regierung gerne annehmen wollte. Doch bislang gab es keine weiteren guten Neuigkeiten für Familie Levinson – wer die Täter sind, bleibt weiter im Dunkeln.

    Robert Levinson hat sieben Kinder und zwei Enkel. Die Organisation ehemaliger FBI-Agenten hat sich der Familie inzwischen angenommen: Für die beiden jüngsten Kinder gab die sie je 5.000 US-Dollar, um die College-Kosten zahlen zu können. Die Familie wird die Suche nach Robert Levinson nicht aufgeben: „Wir vermissen ihn jeden Tag“, so Christine Levinson.

    Erschienen auf Yahoo! Nachrichten am 8. März 2012