In der Kammer des Schreckens – Was der Zoll bei Touristen alles beschlagnahmt

"Beim Zoll kommt das böse Erwachen" - Thomas Meister in der Asservatenkammer. (Bild: Yahoo! Nachrichten)

“Beim Zoll kommt das böse Erwachen” – Thomas Meister in der Asservatenkammer. (Bild: Yahoo! Nachrichten)

Der Raum sieht aus wie der Speicher eines verrückt gewordenen Großwildjägers: abgetrennte Elefantenfüße, ein ausgestopftes Löwenbaby, eingelegte Schlangen wohin man blickt. Doch dieser Raum befindet sich nicht auf einer Ranch in Afrika – sondern am Münchner Flughafen. Mehr als 50.000 tierische Produkte lagern hier im Hauptzollamt: eine Sammlung monströser Souvenirs, die der Zoll bei Touristen beschlagnahmt hat. Ein Besuch in der “Kammer des Schreckens”.

Geschäftig geht es zu im Frachtbereich des Münchner Flughafens. Männer fahren auf Gabelstaplern durch die Hallen, brüllen sich unverständliche Dinge zu, Pakete und Frachtstücke aller Art werden ent-, be- und verladen. Der normale logistische Wahnsinn eines deutschen Großflughafens. Nicht schön, aber auch nicht „schrecklich“. Doch gut versteckt in diesem grauen, betriebsamen Ort gibt es einen kleinen Raum, den der Zöllner Thomas Meister „Kammer des Schreckens“ nennt. Denn hier finden tatsächlich einige Frachtstücke ihre Endstation, die einen schaudern lassen – und illegal eingeführt wurden.

In der „Asservatenkammer“ des Zolls befinden sich jene Objekte, die bei Reisenden gefunden wurden und in Deutschland verboten sind. Der erste Blick in den kleinen Raum mutet an wie der Blick in die Abstellkammer eines Naturkundemuseums oder auf den Speicher eines durchgeknallten Safari-Jägers. Zwei lebensgroße, ausgestopfte Großkatzen starren den Besucher mit leeren Augen an, Bärenköpfe mit langen Zähnen glotzen von einem Schrank, schrumpelige Krokodilsköpfe, eingelegte Schlangen in Flaschen, Korallen und Muscheln füllen die dunklen Regale. Thomas Meister ist Diplomfinanzwirt und arbeitet beim Zollamt München. „Mehr als 50.000 Objekte dürften hier lagern“, schätzt der 43-Jährige. Und alles tierische oder pflanzliche Erzeugnisse.

All diese Dinge sind nichts anderes als Souvenirs – Urlaubs-Mitbringsel der exotischen, und nicht selten perversen Art, die der Zoll am Flughafen beschlagnahmt hat. Denn sie sind aus bedrohten Arten gefertigt.

Eine Kobra in Reisschnaps als Potenzmittel  – “Das wird tatsächlich getrunken”

Die meisten Fundstücke sind Korallen und Muscheln – „unser großer Problembereich“, sagt Meister. Viele davon kommen den weiten Weg etwa aus der Karibik oder von den Malediven, um nun hier zu enden. „Hier haben wir ein besonders schönes Objekt“, sagt Meister ironisch und zeigt auf eine Madonnenfigur, die in eine große Muschel eingelassen ist: Herkunft unbekannt. „Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten“, sagt er. Aber seinen Ärger über solche Andenken kann und will Meister dann doch nicht verbergen. „Das sind seltene Tierarten, und hier in Deutschland stellt man sie sich zwei Jahre auf den Fernseher, dann verstauben sie und werden weggeschmissen.“ Nicht umsonst gebe es den Spruch: „Sammeln Sie Eindrücke statt Andenken.“

Grausig mutet ein Regal mit eingelegten Schlangen in Glasgefäßen und Krokodilen an. Meister deutet auf eine Schlange, die sich in einer Flasche in gelblicher Flüssigkeit windet. „Eine Kobra in Reisschnaps“, erklärt er. Sieht unappetitlich aus, wird aber tatsächlich getrunken – wegen ihrer angeblich potenzfördernden Wirkung. Bei Asienheimkehrern würde sie gerne mal als Gag auf Partys angeboten. Nicht lustig, findet Meister: „In Asien kostet so etwas sieben Euro, hier in Deutschland 150 Euro Strafe aufwärts.“ Ein paar Schritte weiter gibt es chinesische Pflaster, die unter den Zutaten Affenhoden und Tigerknochen aufweisen – sie sollen angeblich gut gegen Rheuma sein. Das für Meister schlimmste Objekt in der gruseligen Sammlung ist jedoch ein ausgestopftes Löwenbaby. „So ein Tier gehört in die freie Natur und nicht in ein deutsches Wohnzimmer“, sagt Meister. Doch auch mit anderen geschmacklosen Souvenirs kann die Kammer des Schreckens aufwarten – darunter ein zum Hocker umfunktioniertes Elefantenbein und ein Kaiman-Kopf, der nun als Aschenbecher dient.

Hohe Strafen für illegale Mitbringsel

Warum werden die Mitbringsel konfisziert? Ganz einfach: Sie werden durch das Washingtoner Artenschutzabkommen unter Naturschutz gestellt. Die Tiere, die für diese Souvenirs sterben mussten, finden sich auf der roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN, manche sind kurz vor dem Aussterben. Und je seltener sie sind, desto teurer kann es für den Reisenden werden. Auch bei kleineren Verstößen werden 150 Euro fällig, bei größeren kann es schon in die Tausende gehen. Auch Gefängnisstrafen sind möglich, allerdings nur, wenn Gerichte einen gewerblichen Hintergrund im großen Stil feststellen. Sich vor der Urlaubssaison zu informieren ist daher unerlässlich, denn: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Und der Schutz betrifft immer das gesamte Tier – so wird selbst die Einfuhr einer einzelnen Papageienfeder  geahndet. Ist man zu Gast in einem Land außerhalb der EU und sich nicht sicher, „Finger weg“ von exotischen Mitbringseln, rät daher Meister. Und wer unbedingt tierische Andenken brauche, sollte sich vorher auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite informieren oder die neue App des Zolls nutzen.

Besonders scheusslich: Das Schlangen- und Krokodils-Regal. (Bild: Yahoo! Nachrichten)

Denn: Die Fahnder verstehen bei illegalen Souvenirs keinen Spaß. Bei Verdachtsfällen werden die Routen der Reisenden genau geprüft. Bei Reisenden aus Afrika wird auf Elfenbein gecheckt, bei Russland-Heimkehrern auf Kaviar. Alle Gepäckstücke werden auf dem Flughafen durchleuchtet, bevor sie auf das Laufband zur Rückgabe kommen, zudem gibt es Stichproben. Das Team vom Zoll ist dabei auf alle Fälle vorbereitetet, so kann ein spezialisierter Kollege Meisters Elefantenleder von Kunst-Leder unterscheiden und Elfenbein von Fälschungen. „Kürzlich haben wir bei einem Afrikatouristen eine Geldbörse beschlagnahmt“, berichtet Meister und hält das Souvenir hoch. Darin steht: Aus Elefantenleder. „Wir haben aber festgestellt, dass es Kunststoff ist.“ Da war der Heimkehrer so verärgert, dass er sie nicht mehr wollte, sagt Meister lachend.

Ein anderer skurriler Fall ereignete sich jüngst, als ein Mann rund 30 lebende Dornschwanzagamen aus dem Oman einführen wollte. Wie der Mann beteuerte, wollte er die die Echsen essen. Als er einem der lebenden Tiere zu Demonstrationszwecken den Kopf abbeißen wollte, stoppten ihn die Beamten. Wahrscheinlich wollte er die Tiere verkaufen. Die Ermittlungen laufen noch.

Was macht der Zoll mit seinen Fundstücken?

Ein Großteil der Reisenden aber begehe Verstöße aus Unwissenheit, so Meister – „beim Zoll kommt dann das böse Erwachen.“ Die Bilanz der Aufklärungskampagnen des Zolls seien jedoch gemischt: nach wie vor würden etwa 4000 bis 5000 Mitbringsel jährlich beschlagnahmt. Die Zahlen stabilisieren sich auf hohem Niveau. Entscheidend dafür, wie oft ein tierisches Produkt bei Reisenden gefunden würde, ist der Schutzstatus der Tiere, aber auch Moden beeinflussen die Zahlen. Besser geworden sei es etwa im Bereich Schlangenleder, wo Tierschutzorganisationen wie PETA die Bevölkerung sensibilisiert hätten.

Anders als häufig angenommen würde, werden die Objekte aus der Asservatenkammer jedoch nicht versteigert. Sie bleiben im Besitz des Zolls. „Sonst würden wir ja die illegalen Funstücke doch noch in  Umlauf bringen“, sagt Meister. Stattdessen werden viele Objekte verliehen – der Zoll hat einen Artenschutzkoffer zusammengestellt, der nun von Schulen und Kindergärten im Großraum München im Biologieunterricht eingesetzt wird. „Da lernen Kinder im frühen Alter den Umgang mit der Natur kennen.“ Und kommen hoffentlich als Erwachsene gar nicht erst auf die Idee, bedrohte Arten als Mitbringsel anzusehen.

Lars Dittmer

Artikel erschienen bei Yahoo! Nachrichten am 9. Juli 2012

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